Viele Krankenhäuser in Deutschland nutzen bereits die Cloud

Die erste HIMSS-Studie zur Cloud-Nutzung in Deutschlands Krankenhäusern zeigt einen hohen Einsatz von Cloud-Computing. Im Durchschnitt beurteilen die Befragten Public Cloud-Lösungen vorteilhafter als On-Premise-Lösungen, obgleich sie auch Bedenken insbesondere hinsichtlich Datenschutz und Compliance äußern. Diesen gilt es mit gezielter Aufklärungsarbeit entgegenzutreten.

von
Cornelia
Wels-Maug

Eine der zentralen Aussagen der kürzlich von HIMSS im Auftrag von Nuance Communications durchgeführten Studie „Cloud-Evolution in deutschen Krankenhäusern“ ist, dass jedes zweite Krankenhaus in Deutschland bereits eine Cloud-Lösung im administrativen oder klinischen Bereich einsetzt. „Dies ist meines Wissens nach die erste Untersuchung zur Cloud in deutschen Krankenhäusern und die erste HIMSS-Studie zu dieser Thematik“, äußert sich deren Autor, Frank Fritzsche, Research and Advisory Services Manager, HIMSS. „Wir stießen auf großes Interesse an dem Thema sowie eine hohe Bereitschaft, an der Befragung teilzunehmen. Der Anteil derer, die heute schon die Cloud nutzen, übertraf meine persönliche Erwartung“, verrät Fritzsche.

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Patientenportale aus der Public Cloud finden großen Zuspruch

Mehr als ein Drittel der Befragten (38 %) gaben an, dass das Thema Public Cloud-Lösung gegenwärtig eine „hohe“ oder sogar „kritische“ Priorität darstellt. Dabei ist diese Einschätzung unabhängig von der Selbsteinschätzung der digitalen Reife des Krankenhauses, die ebenfalls in der Erhebung abgefragt wurde. Die von den Befragten derzeit am häufigsten eingesetzten Cloud-Lösungen werden für die Bildspeicherung (PACS) und administrative Software wie Office 365 genutzt. Etwa 80 % der Studienteilnehmer können sich vorstellen, mindestens einen Prozess oder Dienst aus der Public Cloud zu beziehen, und bei 30 % der Stichprobe beläuft sich diese Zahl sogar auf drei bis vier Prozesse bzw. Dienste. Am häufigsten wird dabei das Patienten- bzw. Zuweiserportal als ein Service genannt, den Befragte in die Public Cloud auslagern würden, gefolgt von administrativen Lösungen bzw. Bürosoftware und Archivierung. Ein Drittel aller Studienteilnehmer kann es sich vorstellen, Spracherkennung sowie die elektronische Fallakte aus einer Public Cloud zu nutzen.

Public Cloud punktet gegenüber On-Premise-Lösungen

Die Studie untersucht auch, welche Kriterien für ein Krankenhaus ausschlaggebend sind, eine Lösung On-Premise zu betreiben oder aus der Public Cloud zu beziehen. Dabei stellt sich auch heraus, dass die Befragten im Durchschnitt Public Cloud-Lösungen vorteilhafter als On-Premise Lösungen beurteilen. Für Public-Cloud, so die Studie, sprechen überwiegend sowohl technisch-funktionelle als auch vertraglich-wirtschaftliche Aspekte. Hier handelt es sich insbesondere um die Skalierbarkeit der IT-Kapazität und -Leistung; regelmäßige Patches, Updates und Release Management durch den Anbieter; Einsparungen bei Hard- und Softwareinvestitionen; einen geräte-, zeit- und ortsunabhängigen Zugriff auf IT-Lösung sowie einen geringeren IT-Administrationsaufwand. „Krankenhäuser sind in vielen Bereichen der IT einem Anbietermarkt ausgesetzt. Dies erschwert den Krankenhäusern, Innovationen schnell einzuführen oder ihre IT-Infrastruktur anzupassen. Public Cloud-Dienste geben Krankenhäusern diesbezüglich mehr Flexibilität; ein Softwareabonnement kann beispielsweise flexibler erweitert oder gekündigt werden, ohne große Auswirkungen auf die technische Infrastruktur vor Ort auszuüben,“ findet Martin Eberhart, General Manager Healthcare DACH & EE Nuance Communications. „Da Public Cloud-Dienste im Softwareabonnement (SaaS) bereitgestellt werden, fallen hohe Anschaffungsinvestitionen weg und der Fokus der Digitalisierung verlegt sich von der Infrastruktur auf die Prozesse.“

An On-Premise-Diensten schätzen Krankenhäuser insbesondere Aspekte im Zusammenhang mit Sicherheitsbedenken: Schutz der Patientendaten vor unberechtigtem Zugriff; Reduktion von Sicherheitsrisiken; das vollständige und zuverlässige Löschen von Daten bei Bedarf; die DSGVO-Konformität, aber auch die Möglichkeit, IT-Lösung an die individuellen Bedürfnisse einer Einrichtung anpassen zu können. „Wenn Cloud-Anbieter auf die subjektiv wahrgenommenen Sicherheitsbedenken eingehen“, erwartet Fritzsche, „dann werden sich diese Befürchtungen auch aus dem Weg räumen lassen.“ Eberhart ergänzt: „Cloud-Anbieter müssen selbstverständlich gesetzeskonforme Dienste erbringen. Als Anbieter sehen wir uns in der Pflicht, mit Informationen rund um das Thema Cloud im Gesundheitswesen mehr Vertrauen und Transparenz zu schaffen. Zu diesem Zweck hat Nuance Communications vor einem Monat ein Online-„Trustcenter“ eingerichtet.“

Cloud führt zu Digitalisierungsschub

Der HIMSS Analytics Annual European eHealth Survey 2019 zeigte, dass die befragten deutschen Gesundheitsorganisationen die digitale Reife ihrer jeweiligen Einrichtung im Ländervergleich auf die hinteren Plätze einordnen würden. Die steigende Verbreitung von Cloud-Computing wird auch dazu beitragen, dass Krankenhäuser in Deutschland diesen Rückstand verkleinern werden. Dafür ist es allerdings erforderlich, dass ihnen auch ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Der in der Studie von 67 % der Befragten prognostizierte Anstieg des IT-Budgets der Krankenhäuser in den nächsten zwei bis drei Jahren wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Inwieweit diese Mittel ausreichen, den Investitionsstau vergangener Jahre abzubauen, wird sich zeigen.

Hier wird auch das kürzlich verabschiedete Krankenhauszukunftsgesetz, das die Nutzung von Cloud-Computing explizit als Möglichkeit zur Digitalisierung von Prozessen aufführt, helfen. Das darin enthaltene Investitionsbudget in Höhe von insgesamt 4,3 Milliarden Euro stellt u. a. Mittel für „eine bessere digitale Infrastruktur“ zur Verfügung.

Gleichzeitig wird die Hinwendung zu Cloud-Computing auch dazu beitragen, den IT-Fachkräftemangel etwas abzufangen. „Die Public Cloud gibt der Krankenhaus-IT mehr Zeit, sich auf die Steuerung und Digitalisierung von Prozessen im Krankenhaus zu fokussieren. Das Kerngeschäft einer Klinik ist es, Patienten auf dem qualitativ höchstmöglichen Niveau zu versorgen. Aufbau und Erhaltung einer möglichst umfassenden IT, welche on-premise betrieben wird, gehört nicht notwendigerweise hierzu“, erläutert Eberhart.

Des Weiteren zeigt die Untersuchung, dass es nicht nur einen generellen Aufholbedarf gibt, sondern auch große Unterschiede in der digitalen Reife zwischen wenigen Vorreitern und zahlreichen Nachzüglern bestehen. Positiv ist jedoch, dass der Einsatz elektronischer Fallakten weit verbreitet ist (72 %) und viele Krankenhäuser verstärkt in Mobilität investieren (41 %).

Cloud wird mittelfristig in der Mehrheit deutscher Krankenhäuser eingesetzt werden

„Ich sehe ein großes Potenzial in der Cloud-Technologie“, betont Fritzsche. „Die Studie hat gezeigt, dass der Einsatz von Cloud in Zukunft steigen und die Digitalisierung insgesamt vorantreiben wird.“ Laut Studie wird die Nachfrage nach Public Cloud-Diensten in den nächsten ein bis zwei Jahren eher moderat wachsen, während in drei bis fünf Jahren mit einem stärkeren Anstieg zu rechnen ist und die Public Cloud die Mehrheit der deutschen Krankenhäuser erreicht haben wird.

„Die Studie demonstriert, wie Krankenhäuser in Deutschland damit beginnen, Cloud-Dienste einzusetzen. Wir können davon ausgehen, dass deren Einsatz in den nächsten Jahren rasch zunehmen wird. Das gerade verabschiedete Krankenhauszukunftsgesetz hebt explizit den Wert von Cloud-Diensten hervor, die digitale Transformation zu unterstützen und benennt Cloud als eine der durch das Gesetz zu finanzierenden Maßnahmen“, unterstreicht Tim Kelsey, Senior Vice President, Analytics International, HIMSS.

Studienhintergrund

Die repräsentative Studie, die vom HIMSS D-A-CH-Community Partner Nuance Communications unterstützt wurde, untersucht den Stellenwert von Cloud-Computing in deutschen Krankenhäusern sowie die Faktoren, die    dessen Einsatz beeinflussen. Die Untersuchung basiert auf Sekundärrecherchen sowie auf einer deutschlandweiten Befragung, die zwischen dem 24. Juni und dem 28. August 2020 durchgeführt wurde. Dabei wurden im Rahmen einer quantitativen Online-Befragung die Meinungen von 76 Krankenhausentscheidungsträgern eingeholt, die im Anschluss mittels einer qualitativen Telefonbefragung von acht Leitungsverantwortlichen validiert wurden. Die Stichprobe spiegelt einen ausgeglichenen Mix sowohl von Leitungskräften im administrativen, klinischen und technischen Bereich als auch der verschiedenen Träger und aller Bundesländer wider.

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