Digitales Gesundheitswesen: Potenziale, Hürden und Status Quo im EU-Vergleich

Eine neue Studie von Deloitte analysiert, wie stark die Digitalisierung aktuell das Gesundheitswesen in Deutschland und sechs weiteren EU-Ländern durchdringt – und wie etabliert die einzelnen technologischen Entwicklungen aus Sicht der Anwender sind.

von
Anna
Engberg

Eine neue Studie der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte erhebt den Status Quo der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen und sechs weiteren EU-Ländern.

Demnach sehen 86 Prozent der befragten deutschen Gesundheitsversorger die digitale Technologie im Gesundheitssektor als positiv an; mit 95 Prozent haben die klinischen Anwender im Krankenhaus das größte Vertrauen in die digitale Technologie.

Wie Deloitte in seinem Bericht bekannt gibt, zeigt sich für Deutschland im Ländervergleich jedoch noch Aufholbedarf: u.a. bei der Implementation von digitalen Lösungen allgemein sowie bei der Unterstützung und Schulung des Personals und bei der Einführung einzelner telemedizinischer Dienste.

DER HINTERGRUND

Die Studie „Digital transformation – Shaping the future of European healthcare“, die im September 2020 vom Deloitte Centre for Health Solutions veröffentlicht wurde, nimmt die Digitalisierung in sieben europäischen Ländern in den Blick. Zusammen mit Deutschland nahmen Italien, Portugal, Großbritannien, die Niederlande, Norwegen und Dänemark an der Studie teil.

Befragt wurde medizinisches Personal aus Krankenhäusern, Tageskliniken und Arztpraxen zum Potenzial der digitalen Transformation des Gesundheitssektors und den damit verbundenen zukünftigen Herausforderungen. Darüber hinaus geht der Report auch dezidiert auf die Erfahrung von Digitalität bei Patienten ein und untersucht die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die Beschleunigung und Akzeptanz von SMART-Technologien. Allein in Deutschland nahmen 400 Ärzte und medizinische Fachkräfte an der Studie teil.

Gemäß der Studie zählt die digitale Krankenakte in Deutschland zu den am besten etablierten und akzeptierten digitalen Werkzeugen: rund 78 Prozent der Studienteilnehmer nutzen sie bereits und sehen in ihr einen Vorteil für die Patientenversorgung und gesteigerte Effizienz in den Arbeitsabläufen. Ebenfalls bereits vielfach genutzt werden digitale Dienstpläne (52 Prozent) und spezielle Apps für klinische Anwender (44 Prozent).

Als Hindernisse für den digitalen Fortschritt wurden in Deutschland Bürokratie (61 Prozent), Kosten (57 Prozent) und die unübersichtliche Vielfalt der vorhandenen Lösungen (42 Prozent) genannt. Diese drei Aspekte waren auch im EU-Durchschnitt die meistgenannten Barrieren.

Ein Unterschied zwischen Deutschland und den übrigen Teilnehmerstaaten zeichnete sich dagegen darin ab, wie gut die medizinischen Fachkräfte sich innerhalb ihrer Organisation auf die Implementierung neuer digitale Technologien vorbereitet fühlten: so gab rund ein Drittel der Befragten aus Deutschland an, ihre Einrichtung sei nur wenig oder gar nicht auf die Adaption digitaler Technologien vorbereitet.

Während Telemedizin, elektronische Rezepte und Online-Dienste wie die digitale Terminbuchung in Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden mit einer Nutzungsrate von zwei Dritteln schon sichtbar etabliert sind, hat der deutsche Gesundheitssektor in diesen Bereichen noch Aufholbedarf: so wird die Online-Terminvergabe beispielsweise erst bei 38 Prozent des medizinischen Personals in Deutschland eingesetzt.

Auch Telemedizin ist auf dem deutschen Gesundheitsmarkt derzeit noch sehr sparsam im Einsatz, wie der Deloitte-Report Aufschluss gibt: aktuell nutzen nur 30 Prozent bereits aktiv im Berufsalltag telemedizinische Dienste wie z.B. den Videochat mit Patienten, obwohl zwei Drittel der Befragten Telemedizin allgemein für sinnvoll halten.

Knapp die Hälfte aller deutschen Umfrageteilnehmer (46 Prozent) bemängelte zudem fehlende Unterstützung beim Einsatz digitaler Technologie durch ihre Organisation – nur etwas mehr als 14 Prozent fühlen sich demzufolge „sehr gut vorbereitet“.

WAS GESAGT WURDE

Ibo Teuber, Director Health Care bei Deloitte, sagte zu den Studienergebnissen: „Mit Blick auf den deutschen Markt sehen wir, dass digitale Anwendungen bereits an verschiedensten Stellen zum Einsatz kommen. Vergleicht man den digitalen Reifegrad von deutschen Krankenhäusern mit anderen europäischen Ländern, fällt auf, dass in Summe nur wenige Einrichtungen die höchsten Stufen des Reifegradmodells der Non-Profit-Organisation HIMSS erreichen. Es gibt somit noch große Potenziale, die nicht voll ausgeschöpft werden.“

Mit Blick auf das am vergangenen Freitag im Bundestag verabschiedete Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG), das den deutschen Krankenhäusern mehr als 4 Milliarden Euro auf Bund- und Länderebene für ihre digitale Aufrüstung bereitstellen wird, ergänzte Teuber: „Mit diesem Investitionsschub werden erste Weichen gestellt, um die Effekte der unzureichenden Finanzierung abzumildern. Das ist eine echte Chance für ein digitales Update in Krankenhäusern.“

GUT ZU WISSEN

In zwei früheren Studien derselben Ausrichtung untersuchte Deloitte bereits die digitale Transformation mit Fokus auf Großbritannien.

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