„Digitalisierung ist gekommen, um zu bleiben!“

Claudia Dirks, Head of Communications beim Health Innovation Hub (hih) des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) beteiligt sich als Mitglied im Führungskomitee der HIMSS D-A-CH Community rege am Austausch und der Vision rund um ein digitalisiertes Gesundheitswesen im deutschsprachigen Raum. Im Interview mit Healthcare IT News schildert sie, wie die Pandemie die Erfahrung der digitalen Gesundheitsversorgung verändert – und, ob die digitalen Innovationen nachhaltig sein werden.

von
Anna
Engberg

Frau Dirks, nach fast 6 Monaten Pandemie-bedingtem Ausnahmezustand: wie hat sich COVID-19 auf das digitale Empowerment von Patienten ausgewirkt?

Dirks: Bei allem Schrecken, den COVID-19 ausgelöst hat, wirkt sich die Pandemie erstaunlich positiv auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens aus. Es hat sich gezeigt, dass viele digitale Lösungen schon bereitstanden und einfach aus der Schublade gezogen werden konnten.

Beteiligte Organisationen wie die Kassenärztlichen Vereinigungen haben sich flexibel und unbürokratisch gezeigt, indem sie z.B. den 20-Prozent-Deckel für Videosprechstunden aufgehoben und eine Verlängerung für die elektronische AU ermöglicht haben. Einige der Lockerungen haben weiterhin Bestand.

Zudem hat die Pandemie die Wirkungsweise und den tatsächlichen Nutzen der Digitalisierung sichtbar gemacht, nicht nur für die niedergelassenen Ärzte, sondern auch für die Patienten, die sicher zuhause bleiben konnten und sich dennoch sicher umsorgt fühlen durften.

Insbesondere bei chronischen Patienten, die einmal monatlich ihre Werte übermitteln müssen, wurde der Weg für die asynchrone Kommunikation geebnet. Durch das Feedback der Ärzte hat sich der direkte Nutzen für die Beteiligten entfaltet.

Ist dieser Nutzen auch für die medizinische Workforce spürbar?

Dirks: Eindeutig. Wir haben zusammen mit der Stiftung Gesundheit und 3000 Ärzten eine Studie zur Nachhaltigkeit der Videosprechstunde durchgeführt, um herauszufinden, ob diese nur im Rahmen der Pandemie sinnvoll war oder, ob sie weiterhin Bestandteil des Praxisalltags sein kann.

Claudia Dirks unterstützt die Arbeit des Health Innovation Hub (hih) sowohl thematisch als auch bei der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation zu Veranstaltungen und für den Gesundheit_digital-Newsletter.

Heraus kam, dass die Videosprechstunde als viel einfacher und nützlicher wahrgenommen wurde als gedacht und auch ihre Verfügbarkeit überraschte. Es geht uns ja auch darum, dass Digitalisierung nie als Ersatz, sondern immer als Ergänzung begriffen wird – das scheinen die Ärzte ebenfalls erlebt zu haben. Während sie im chirurgisch-orthopädischen Bereich keinerlei Nutzen bringt, ist sie überall dort umso nutzbringender, wo chronische Erkrankungen vorliegen, sprechende Medizin oder Arzt-Patienten-Gespräche erforderlich sind. 70 Prozent der Ärzte fanden, dass sie dort eine sehr sinnvolle Ergänzung im Praxisalltag ist. Das freut uns!

Wie ist die Arbeit des Health Innovation Hub (hih) bislang verlaufen?

Dirks: Obwohl ursprünglich mit einer anderen Themenvorstellung gestartet, kam im ersten Jahr unserer Arbeit das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und hat uns maßgeblich beschäftigt, den Fast-Track und alles, was digitale Gesundheitsversordnungen betrifft, in die Bahnen zu lenken und darüber zu informieren. Die Teammitglieder sind kommunikativer Dreh- und Angelpunkt – nicht nur für das Erklären der Ergebnisse, was wir maßgeblich über unsere Events bestreiten, sondern u.a. auch für die Erarbeitung der Lösungsansätze, das Zusammenbringen der Experten und Institutionen. Mit unseren Experten stehen wir, nicht zuletzt mit unserem Netzwerk, beratend zur Seite.

2020 wurden dann auch wir von COVID-19 überrascht und haben mit dem Aufbau unserer Corona-Digital-Seite begonnen. Diese stellt das einzige vollständige Verzeichnis der, KBV-zertifizierten und nicht-zertifizierten, Videosprechstunden-Anbieter mit besonderen Kriterien für den niedergelassenen Bereich bereit.

Was beschäftigt Sie darüber hinaus aktuell?

Dirks: In diesem und im nächsten Jahr arbeiten wir an der inhaltlichen Ausgestaltung der ePA und am Krankenhauszukunftsgesetz.

Vergangene Woche haben der hih und die gematik den ePA-Dialog als virtuelle Auftaktveranstaltung im Livestream mit 700 Menschen und der KV Nordrhein als Gastgeber und Vorreiter aufgenommen, um über die ePA und deren Inhalte zu informieren. Ein interaktives Fragetool hat dabei gezeigt, dass wir mit der Kommunikation noch am Anfang stehen. Die Bereitschaft zu lernen und sich zu informieren ist jedoch groß und das Event wurde sehr positiv aufgenommen.

Bis Jahresende stehen die Karten der Kassen bereit und alle Beteiligten gehen nach heutigem Stand davon aus, dass am 2. Januar 2021 die erste ePA befüllt werden wird.

Grundsätzlich bemühen wir uns um das Narrativ, dass Digitalisierung eben nicht nur Probleme mit sich bringt oder gar zum Selbstzweck verkommt. Wir zeigen auf, dass sie vor allem für die Niedergelassenen, Patienten und Pflegenden ein wertvolles Instrument für die Behandlung und Transparenz ist. Der Fokus liegt klar auf dem Patientennutzen. Auch beim e-Rezept, das ab Juli 2021 verpflichtend wird: da haben wir Apotheker, Niedergelassene, Start-Up-Gründer, Interoperabilitäts- und KI-Experten an Bord. Zudem beschäftigen uns auch Corona-Warn-App und Chatbots.

Worum geht es beim Krankenhauszukunftsgesetz genau?

Dirks:  Im Kapitel „Zukunftsmarkt Krankenhaus“ sind 4,3 Milliarden Euro verortet. Es geht somit darum, die Krankenhäuser zu unterstützen, die Digitalisierung und Strategien in Richtung Patienten- und Medikationssicherheit, Behandlungstransparenz und Intersektoralität zu fördern, da man erkannt hat, dass die Krankenhäuser dies nicht aus eigenen Mitteln stemmen können. Um Fördergelder durch die Länder zu erhalten, muss jedes Krankenhaus seine eigene Zukunftsfähigkeit mit mehr als positiven Prognosen füllen. Das geht 2020 noch durch die Gesetzgebung.

Und wir untersuchen, wie der Digitalisierungsgrad von Krankenhäusern gemessen werden kann und welche Schlüsse sich daraus für den Patienten ableiten lassen. Ein Kriterienkatalog, den wir für das BMG erstellen, soll helfen zu klassifizieren, welche Häuser für eine moderne Gesundheitsversorgung stehen und überleben werden.

Was braucht es noch für eine nach­haltige Nutzung digitaler Gesundheitsangebote?

Dirks: Vor allem Interoperabilität. Natürlich müssen viele Ärzte technisch noch aufrüsten, zum Beispiel für die eAU, und auch, damit sie unter Usability-Richtlinien Daten einpflegen können – und die Datenströme aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst Ämtern, Kliniken und Laboren zusammenlaufen und sich untereinander verstehen.

In der sogenannten cocos-Initiative (Corona Component Standards) geschieht dies in schwindelerregender Geschwindigkeit – denn auf einmal sehen alle den Sinn darin, Daten so zu sammeln und zu speichern, dass Institutionen sich über die neuen Erkenntnisse austauschen und möglichst schnell an Ergebnisse kommen können, wie es weitergehen soll.

Etwa im Forschungsdatenzentrum, das die Charité derzeit federführend aufbaut oder der GECCO Initiative, die ebenfalls Corona-assoziiert ist. Ein Interoperabilitätspapier zur Datenaufnahme ist hier in Arbeit.

Jetzt sind die ersten digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) in der Zertifizierung und werden Ende August verschreibungsfähig sein. Wir werden also zeitnah evaluieren können, welche Prozesse nachgesteuert werden müssen.

Wie ist Ihr Ausblick?

Dirks: Wir haben das Gefühl, dass sich die Einstellung zu digitalen Lösungen nicht nur in bestimmten Hersteller- oder Patientengruppen verändert hat, sondern dass man insgesamt über alle Institutionen hinweg – angefangen bei der Bundesärztekammer bis hin zu den Kassenärztlichen Vereinigungen, Patienten- und Fachgesellschaften – begriffen hat, dass die Digitalisierung bleibt. Und man hat angefangen zu überlegen, wie Digitalisierung für die eigenen Zielgruppe und Bedarfe sinnvoll genutzt werden kann.

Natürlich gibt es noch Widerstände und Leute, die sich der Veränderung entziehen wollen. Aber die Mehrheit ist an unserer Arbeit interessiert, will sich einbringen und Positives für ihre Zielgruppe herausholen. Dieser dramatische Wandel in den letzten eineinhalb Jahren war schon vor Corona spürbar und ist mit der Krise noch einmal gestiegen. Wir üben uns in Zuversicht.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dirks!

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