Gibt es Gründe im Gesundheitswesen zu gründen?

Dass „das Gute“ seinen Feind im „Besseren“ hat, freut jedes Phrasenschwein. Und es ist die Basis der meisten erfolgreichen Geschäftsmodelle. Jeder kennt Momente, in denen er von einer besseren Lösung begeistert wurde.

von
Felix
Cornelius

Ich denke zum Beispiel an die Tastatur-App SwiftKey, die Möglichkeit, auf meinem Kindle Reader innerhalb von Sekunden jedes englische Wort nachzuschlagen oder an den Carsharing-Anbieter Car2Go. Jede dieser Innovationen nutze ich fast täglich und würde es schwer ertragen, wieder darauf verzichten zu müssen. Deshalb zahle ich gern dafür. Und deshalb war es eine gute Idee der Initiatoren, das jeweilige Produkt zu entwickeln und in den Markt zu bringen.

Viele Gründer gehen so vor, dass sie versuchen ein Problem zu lösen, unter dem sie selbst leiden. Sie folgen also der Prozesskette „leiden-erfinden-umsetzen“. Nur wenige sind mit diesem Vorgehen erfolgreich, denn die Welt wartet nicht auf Innovationen. Zum Leidwesen der Innovatoren und Gründer in unseren Reihen hat sich eine konservative Grundhaltung für die Menschheit als Vorteil erwiesen. Die erfolgreichen Gründer folgen deshalb der Prozesskette „leiden-erfinden-umsetzen-scheitern-verbessern-umsetzen-erneutscheitern-vernochbessern…“ usw.

Weiterzumachen, wenn sich die erste (oder genauer: die jeweils jüngste) Umsetzung nicht bewährt hat; dauerhaft im Erfindungsmodus zu bleiben und jedes Scheitern als neues zu lösendes Problem anzusehen; die Zuversicht zu behalten und mit finanziellen Sorgen fertig zu werden, die dem Gründer regelmäßig den Schlaf rauben – das machen Menschen normalerweise nicht freiwillig. Schon gar nicht Menschen, die das Potenzial haben, sich alternativ in ein sicheres Anstellungsverhältnis zu begeben. Was also treibt Gründer an?

Es ist verlockend, darauf mit „Geld, Erfolg und Ansehen“ zu antworten. Das kennt man ja von den Samwer-Brüdern, oder? Tatsächlich treibt die meisten Gründer in erster Linie das Gefühl der Freiheit an, die Inhalte der täglichen Arbeit selbst bestimmen zu können. Auf der materiellen Seite geht es um die Existenz der Chance, nicht um deren Eintrittswahrscheinlichkeit. Denn darin liegt der wesentliche Unterschied zur Anstellung. Vielen Gründern reicht es deshalb schon, wenn sie überhaupt ein stabiles Einkommen erzielen. Ein System, das sich die Initiative, den Einfallsreichtum und die Opferbereitschaft von Gründern wünscht, muss ihnen diese Chancen bieten.

Es gibt circa 2.000 Krankenhäuser in Deutschland, 21.000 Apotheken und 146.000 niedergelassene Ärzte. Gründer, die ein B2B-Angebot entwickeln, finden in diesem Kernbereich der Versorgung also etwa 169.000 potenzielle Kunden. Auch deshalb wenden sich die meisten Gründer direkt an die (potenziellen) Patienten. Denn deren Zahl ist fast 500 Mal so groß. Die Idee jedes B2C-Gründers im Gesundheitswesen ist natürlich, dafür Geld zu erhalten, dass er ein Problem löst – des akut oder chronisch kranken Patienten, des Menschen, der Krankheit vorbeugen will, oder des Pflegebedürftigen.

Ausgerechnet im Gesundheitswesen, also auf dem Feld, das uns wie kein zweites bewegt, werden unsere Gründer aber nur wenige Kunden finden, die für eine Lösung selbst zahlen wollen. Denn jeder Kassenpatient zahlt durchschnittlich 2.650 Euro p.a. in das System ein und fühlt sich damit von allen weiteren Zahlungsverpflichtungen befreit. Wer an Problemen im Gesundheitswesen leidet, ruft nicht nach Gründern, die sich etwas ausdenken sollen und dabei Frustationstoleranz zeigen, sondern nach dem Gesetzgeber. Natürlich gibt es auch in dieser Kultur Menschen, die sich zu gründen trauen. Aber wie viel mehr könnten es sein, wenn wir den potenziellen Kunden etwas Geld ließen, über dessen Verwendung sie selbst entscheiden könnten – und müssten?!

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