„Wahre Interoperabilität bedeutet, dass man sich einigt“

Mit der COVID-19-Krise wird der Ruf nach Interoperabilität im Gesundheitswesen lauter: wie einheitliche IT-Standards und Begriffe schnellstmöglich etabliert und in die Praxis gebracht werden können, das weiß Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin für eHealth und Interoperabilität am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) und Mitglied im Führungskomitee der HIMSS D-A-CH Community. Im Interview mit Healthcare IT News berichtet die Expertin für nationale und internationale IT-Standards im Gesundheitswesen über die jüngsten Erfolge in Deutschland angesichts der aktuellen Herausforderungen.

von
Anna
Engberg

Frau Prof. Dr. Thun, bitte beschreiben Sie Ihr vielfältiges Engagement für einheitliche Standards und Terminologien im Gesundheitswesen.

Dr. Thun: Gerne. Ich engagiere mich momentan in einer ganzen Reihe von Interoperabilitäts-Projekten. So arbeite ich u.a. am bundeseinheitlichen COVID-19 Datensatz, an der LOINC Einführung im Labor und an der Datenintegration zwischen Charité und Vivantes, z.B. für Krebskranke. Außerdem befasse ich mich mit der Digitalisierung in der Arzneimitteldokumentation und ihrer Vereinheitlichung an der Charité. Wir haben auch einen Hub als Testlabor für neue innovative Verfahren konzipiert, in dessen Rahmen wir zuletzt das EKG aus der Apple Watch in eine FHIR Server-Struktur eingelesen haben. Mit Blick auf Gerätedaten arbeiten wir aktuell an Beatmungsdaten und Infusionspumpendaten, die automatisiert in die Patientenakte der Charité laufen sollen.

Das klingt spannend. Wie spiegelt sich die Pandemie in Ihrer aktuellen Arbeit wieder?

Dr. Thun: Wir haben in den letzten sechs Wochen durch COVID-19 einiges geleistet und gelernt. Zunächst haben wir gemerkt, dass die städtischen Fallzahlen in Deutschland nicht stimmen. Auf Grund fehlender Schnittstellen und weiterhin zu vieler analoger Prozesse wurden diese nicht adäquat und schnell an das Robert Koch-Institut (RKI) weitergeleitet. Stattdessen werden Informationen an Gesundheits- und Landesämter zum Teil noch immer gefaxt und erst später händisch in die RKI-Software übertragen.

Natürlich ist das auch eine Frage der Digitalisierung und der Interoperabilität in den Systemen der Ärzte, Labore und des zentralen Meldesystems in Deutschland: dem SurvNet des RKI. Dessen wichtigste Aufgabe besteht darin, positive Fälle an die Behörden zu übermitteln. Hier haben wir von HL7 mitgeholfen, indem wir ehrenamtlich die Schnittstelle zwischen SurvNet und den Labor- und Arzt-Informationssystemen spezifiziert haben. Das Ergebnis ist eine FHIR Schnittstelle, die LOINC und SNOMED Code beinhaltet und international kompatibel ist.

Das RKI stellt nun sicher, dass die Softwareanbieter diese Schnittstellen nun bedienen können. Das ermöglicht uns eine äußerst schnelle Meldung von sowohl positiven als auch negativen Corona-Fällen – ein Erfolg.

Was können Standards in der COVID-19 Krise außerdem noch leisten? Und welche sind heute unverzichtbar?

Weltweite Interoperabilitätsstandards helfen uns auch dabei, Erkrankte adäquat zu behandeln, indem wir mehr über die Anzeichen lernen. Das gelingt nur, wenn wir das globale Wissen und neue Erkenntnisse durch den weltweiten Austausch von Publikationen und Daten teilen. Große Organisationen wie WHO, SNOMED und LOINC arbeiten hierfür in einer Taskforce zusammen, um die Begrifflichkeiten rund um Corona und COVID-19 zu vereinheitlichen.

Ob nun ein COVID-assoziierter Husten oder andere Symptome vorliegen - es braucht eine über Open Source bereitgestellte, einheitliche Fachsprache ebenso wie eine Syntax. Deutschland hat sich hier für den FHIR Standard entschieden, der nicht nur innerhalb des RKI genutzt wird, sondern auch beim Nationalen Forschungsnetz der Universitätskliniken (NFN), der auch die meisten COVID-19 Patienten behandelt.

In der Koordinationsstelle für eHealth an der Charité haben wir deshalb die Corona-Forschungsdaten bundeseinheitlich spezifiziert. Das gab es in dieser Form so in Deutschland noch nie, dass sich wirklich alle auf einen Standard festgelegt haben, welche Parameter wichtig sind – von klinischen Studien über Apps bis zum Register.

Wie sieht dieser bundeseinheitliche Standard rund um Corona konkret aus?

Die Fachsprache umfasst eine Liste mit 80 Fragen und über 300 Antwortmöglichkeiten, die mit 1000 Kodes aus internationalen Terminologien hinterlegt sind. Hinzu kommen ständige Erweiterungen für fachspezifische Fragestellungen, z.B. aus der Neurologie.

Ob auftretende Thrombosen, Geschmacksverlust, zu verabreichende Medikamente bis hin Zeitpunkten und Schweregraden – wir haben nun, nach über 20 Jahren Diskussion über Patientenakten, endlich eine Art Patientenakte für Corona-Erkrankte erzeugt. Teil dessen sind auch über HL7 bereitgestellte FHIR Ressourcen. Für alle Softwareanbieter ergibt sich so eine einheitliche Repräsentation der Symptome. Wenn Begriffe rund um ein Krankheitsbild überall gleich benannt, bringt uns das zu wahrer Interoperabilität, denn diese bedeutet, dass man sich einigt. Im Fall von COVID-19 ist dies in Windeseile, in weniger als sechs Monaten umgesetzt worden – was Andere in 20 Jahren nicht geschafft haben.

Auf ähnliche Weise könnte man auch mit anderen Datensätzen oder sogar der Arzt-Patienten-Akte verfahren. Die Koordinierungsstelle der deutschlandweiten Taskforce mit Vertretern aus mehreren Universitäten mit Sitz an der Charité und das BIH, das mit der Charité assoziiert ist, sind wir zuständig für diesen Datensatz – den wir letztlich mit der ePA verheiraten werden. Das bedeutet, dass wir über die gematik-Infrastruktur hinaus zukünftig auch semantisch sinnvolle Inhalte hineinbringen wollen.

Was müssen die „Digital Leaders“, Klinik-CEOs und CIOs, aber auch die Gesundheitspolitik auf Ihrer Sicht jetzt konkret noch tun, damit wir ein interoperables Ökosystem bekommen?

Dr. Thun: Sowohl die Bundesregierung als auch der Gesundheitsminister stehen vor der Herausforderung, Software- und Gerätehersteller zu zwingen, über die Meta-Datenstandards hinaus internationale Standards einzusetzen und ihre Daten international standardisiert herauszugeben. Wir können uns nicht wie in Amerika nur auf offene Standards verlassen, sondern müssen in Deutschland klar festlegen, wann beispielsweise ein Corona-Laborfall semantisch adaptiert wird. Und wir müssen die Daten verfügbar machen.

Zum Anderen müssen Krankenhäuser und Praxisbesitzer auch Anforderungen an die Softwarehersteller stellen, indem sie sagen: ich kaufe keine noch so attraktive Software, solange sie nicht interoperabel ist. Die Schnittstellen müssen sauber implementiert sein.

Wie verbessert Interoperabilität konkret die Patientenversorgung?

Dr. Thun: Wenn wir medizinische Fachdaten aus verschiedenen Systemen von einem System automatisch ins nächste übertragen, hat der Arzt immer die komplette Übersicht. Muss der Arzt hingegen immer von einem System ins nächste wechseln, geht wichtige Arzt-Zeit verloren. Dies passiert, wenn keine adäquaten Schnittstellen vorhanden sind.

Genau dann passieren auch Fehler, weil Daten nicht oder erst zu spät zur Verfügung stehen oder der Hausarzt wichtige neue Medikationen nicht zeitnah vor Augen hat, weil sie nicht ins System eingelesen wurden. Somit ist Patientensicherheit der größte Vorteil beim Thema Interoperabilität.

Die Ressourcenschonung ist ein weiterer Nutzen. Und schließlich werden wir durch interoperable Strukturen und Daten auch international vergleichbar, wenn wir Forschungsdaten offengelegen und z.B. Studienprotokolle semantisch vereinheitlichen.

Ihre Frage ist übrigens auch Thema im heutigen Webinar: ich präsentiere dort u.a. meine wichtigsten Learnings zur Frage, wie Interoperabilität den Gesundheitssystemen und den sie umgebenden digitalen Gesundheitsökosystemen nutzt und eine effizientere und patientenorientiertere Versorgung ermöglicht.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Thun.

Nachtrag der Redaktion: Den Rückblick zum HIMSS D-A-CH Community Webinar "HL7: Deutschland ändert sich" finden Sie hier.

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