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Spracherkennung wird im Behandlungszimmer der Zukunft nicht mehr wegzudenken sein

In den letzten drei Jahren wurden in Deutschland eine Reihe von Gesetze verabschiedet, die die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung einfordern, um deren Qualität und Effizienz zu verbessern. Spracherkennung spielt im Gesundheitsbereich heute schon eine wichtige Rolle, Prozesse effizienter zu gestalten: Im Behandlungszimmer der Zukunft wird ihre Bedeutung noch ausgeprägter sein, verrät Martin Eberhart, General Manager Healthcare DACH, Nuance, im Gespräch mit Healthcare IT News.

von
Cornelia
Wels-Maug

Welche Rolle spielt die Spracherkennung im Rahmen des digitalen Wandels in Deutschland?

Eberhart: In Deutschland gewinnt die Digitalisierung im Gesundheitswesen an Geschwindigkeit. So sind beispielsweise der e-Arztbrief, die Videosprechstunde, die Vergütung von Telemedizinkonsilien, die anstehende Einführung der elektronischen Patientenakte und des e-Rezepts alles Entwicklungen der jüngeren Zeit. Ganz konkret bedeutet dies, dass nun viele Prozesse im Gesundheitswesen digitalisiert werden. Dadurch wird das Krankenhauspersonal – angefangen von Ärzten, Pflegern bis hin zur Verwaltung – entlastet. Die Spracherkennung stellt dabei eine mögliche Option der Digitalisierung dar, die mittlerweile in gut der Hälfte aller Krankenhäuser in Deutschland1 eingesetzt wird.

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Inwiefern hilft Spracherkennung bei der Entlastung des Klinikpersonals?

Eberhart: In Anbetracht des hohen Dokumentationsaufwands wird Spracherkennung als ein willkommenes Mittel, diese Aufgabe effizienter zu bewältigen, begrüßt, denn wir sprechen ungefähr drei Mal so schnell wie wir tippen. Das ist eingesparte Zeit, die die Ärzteschaft lieber mit ihren Patienten verbringen möchte. Benjamin Hoch, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Mannheim, drückt seine positive Erfahrung mit Spracherkennung so aus: „Die Effizienzsteigerung durch die Spracherkennung generiert über den Tagesverlauf hinweg viele Minuten. Jede Minute, die man mehr auf den Patienten eingehen oder seine Fragen beantworten kann, ist Gold wert.“ Diese unmittelbare Entlastung bei der Dokumentation durch Spracherkennung ist in Zeiten, in denen viele Ärzte und Pflegende mit Überlastung, Unzufriedenheit und zunehmend auch mit Burn-out kämpfen, ein Gewinn an Lebensqualität. Allein im Jahr 2018 gaben 33 Prozent der deutschen Ärzte an2, sich ausgebrannt zu fühlen.

Haben auch Patienten einen unmittelbaren Nutzen, wenn Versorger Spracherkennung nutzen?

Eberhart: Spracherkennung kann auch bei Patienten zu einem direkt spürbaren Vorteil führen. So kann etwa durch den Einsatz von Spracherkennung die Wartezeit auf die klinischen Befundung nach einer Mammografie von mehreren Tagen auf unmittelbar nach der Untersuchung gesenkt werden. Typischerweise vergehen schnell mehr als drei Tage bis ein Schreibbüro einem Arzt den schriftlichen Befund vorgelegt und dieser den Befund korrekturgelesen und freigegeben hat, bevor er ihn schließlich mit der Patientin teilen kann. Verwendet der Arzt dagegen Spracherkennung, entfällt das lange Warten auf den Befund und stiftet für die betroffene Frau einen unmittelbaren Nutzen, da sie nun viel schneller Klarheit über ihren Gesundheitszustand erhält.

Welche Abteilungen eines Krankenhauses nutzen typischerweise Spracherkennung?

Eberhart: Anfänglich wurde Spracherkennung in Krankenhäusern vornehmlich in Fachabteilungen mit hohem Befundaufkommen verwendet, z. B. der Radiologie. Mittlerweile hat sich die Strategie durchgesetzt, sie krankenhausweit zu verwenden, um Medienbrüche zu vermeiden. Das bedeutet, dass Spracherkennung auch über die klinischen Abteilungen eines Krankenhauses hinaus eingesetzt wird. Beispielsweise verwendet die Rechtsabteilung der Asklepios Klinik in Hamburg Spracherkennung zur Optimierung ihres Workflows, ebenso wie die Geschäftsführung des Klinikums Chemnitz.

Wie wird Spracherkennung in Zukunft das Arzt-Patienten-Gespräch unterstützen?

Eberhart: Spracherkennung wird im Behandlungszimmer der Zukunft nicht mehr wegzudenken sein. Die Dokumentation wird sich von selbst schreiben. Das dies heute schon möglich ist, haben wir mit unserer Lösung auf der diesjährigen HIMSS in den USA vorgeführt. Sie wird nun schon seit dem Sommer in einigen US-amerikanischen Krankenhäusern eingesetzt. Mithilfe der von künstlicher Intelligenz (KI) gesteuerten, sprachgestützten Ambient Sensing-Technologie wird ein Arzt-Patienten-Gespräch, unter Zustimmung des Patienten, entsprechend der bestehenden Datenschutzvorgaben audiovisuell aufgezeichnet. Im Anschluss werden relevante Inhalte wie Diagnose und Medikation extrahiert und mit wichtigen Kontextinformationen aus der elektronischen Gesundheitsakte ergänzt und danach automatisch in dieser dokumentiert. Außerdem kann der Arzt die Patientenakte per Sprache navigieren und direkt auf relevante Inhalte in Echtzeit zugreifen. Dadurch kann er sich vollständig auf den Patienten konzentrieren, was sowohl für Versorger als auch Patienten befriedigender ist. Das sich dahinter verbergende technische Konzept bezeichnen wir als „Ambient Clinical Intelligence“ (ACI), eine Technologie, die wir in Partnerschaft mit Microsoft weiterentwickeln. Es ist auch möglich, diese mit weiteren intelligenten Anwendungen, wie ICD-10 oder klinischen Entscheidungssysteme, durch eine Verbindung mit Drittsystemen zu ergänzen.

Gibt es in Deutschland Interesse an ACI-Lösungen und wann können wir damit hier rechnen?

Eberhart: Auch hier in Deutschland wird das Potenzial von ACI erkannt. Wie haben schon anerkennendes Feedback für die Lösung erhalten. Bis es mit deren Einführung so weit ist, müssen wir uns in Deutschland noch gedulden: Die elektronische Patientenakte steht gerade vor der Einführung und das Behandlungszimmer der Zukunft geht mit der Nutzung von Cloud und Software as a Service (SaaS) Modellen Hand in Hand. Diese stehen hier noch in den Startlöchern, aber auch hier gibt es Bewegung: Die immer wieder geäußerten Sicherheitsbedenken werden durch die DSGVO und die von den Cloudanbietern zu erbringenden Zertifizierungsnachweise entkräftet und transparent eingeordnet. Auch die Knappheit an gut qualifiziertem IT-Personal3 könnte Gesundheitsinstitutionen motivieren, mit SaaS- und Cloud-Lösungen von Drittanbietern zu arbeiten. Letztlich geht es immer um die Frage, wie Digitalisierung Prozesse so unterstützen kann, dass die Versorgung für den Bürger spürbar verbessert wird – z. B. durch Spracherkennung, die dem Arzt mehr Zeit für seine Patienten gibt.

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1Interne Daten Nuance Communication

2https://www.aerzteblatt.de/archiv/202075/Aerztemonitor-2018-Zwischen-Kuemmerer-und-Burn-out

3Laut Bitkom beziffert sich die Zahl der offenen Stellen für IT-Fachkräfte in Deutschland auf aktuell 124.000, einem Anstieg um 51 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (82.000). https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Erstmals-mehr-100000-unbesetzte-Stellen-fuer-IT-Experten

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