„Bei IT-Standards geht es um Menschenleben“

In puncto Standards hat sich in Deutschland einiges getan: Politiker und Institutionen haben begonnen, deren Nutzen wahrzunehmen und zunehmend verstärken Gesetze und Initiativen deren Einsatz. Gerade in der Corona Krise sind deren Vorteile greifbar geworden, denn die Erhebung von Daten mit einheitlichen Standards und Formaten ermöglicht, den größten Nutzen aus ihnen zu ziehen.

von
Cornelia
Wels-Maug

Im Rahmen eines von der HIMSS D-A-CH Community organisierten TalkingPoints zum Thema „HL7: Deutschland ändert sich“ sprechen Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin für E-Health und Interoperabilität am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH), und Alexander Ihls, IHE International Board At-Large Member und Manager Strategic Business Development Healthcare (D-A-CH), InterSystems, über den gegenwärtigen Stand von Standards im deutschen Gesundheitswesen.

In den letzten eineinhalb Jahren hat sich in Deutschland im Hinblick auf die Etablierung von Standards vieles getan: Von der Initiative zu Medizinischen Informationsobjekten (MIOs), bei der es darum geht, medizinische Daten standardisiert zu dokumentieren, über das Patientendatenschutzgesetz, das die Mitgliedschaft bei SNOMED (Systematized Nomenclature of Medicine Clinical Terms) spezifiziert, bis hin zur German Corona Consensus Initiative (GECCO), welche die Interoperabilität zwischen universitären Forschungsdatensätzen durch die Verwendung einheitlicher Datenformate und Standards erreichen möchte. Aus ihr wiederum ging die cocos-Initiative (Corona Component Standards) hervor, die genau diese Datenformate und Standards etablieren will.

Dass dieses Momentum überhaupt entstand, liegt an der Politik und der Neuausrichtung von Institutionen wie der gematik und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Insbesondere haben sich Health Level 7 (HL7) und der Fast Healthcare Interoperability Resources (FHIR) als IT-Standards durchgesetzt. An HL7 arbeitet eine internationale Gemeinschaft aus Firmen, Wissenschaftlern und Behörden, um einen einheitlichen Datenaustauschstandard zu spezifizieren und weiter zu entwickeln. FHIR dagegen ist ein relativ junger Standard. Speziell für den mobilen Bereich angedacht, wird er nun auch bei elektronischen Patientenakten, wie der ELGA in Österreich, oder in Krankenhausinformationssystemen genutzt.

WARUM DIES WICHTIG IST

IT-Standards sind die Basis für eine gute und effiziente Kommunikation und Kollaboration und maßgeblich für Patientenschutz und -sicherheit. Ohne sie kommt es zu Fehlern, beispielsweise, wenn medizinische Fachbegriffe nicht präzise aufgeschrieben und weitergegeben werden – gerade an Schnittstellen zwischen Institutionen.

Aktuell, in Zeiten der Corona-Pandemie, erweisen sich IT-Standards beim Etablieren eines Datenaustauschs auf nationaler und internationaler Ebene als extrem wertvoll. Z. B. die neu geschaffene FHIR Schnittstelle zwischen den Gesundheitsämtern und dem Robert Koch-Institut (RKI) hat geholfen, die Zahl, der mit COVID-19 Infizierten, zu melden und die kürzlich vom RKI und HL7 entwickelt „CovApp“ der Charité, mit der man online eruieren kann, ob man sich auf den Coronavirus testen lassen sollte, half, den Einsatz knapper Ressourcen zu optimieren.

DER GRÖßERE ZUSAMMENHANG

Es ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend, Standards zu haben. Es muss zudem festgelegt werden, in welcher Art und Weise und für was diese eingesetzt werden. Dafür werden sog. Integrationsprofile erstellt. Die cocos-Initiative ist ein Beispiel für den Anwendungsfall COVID-19. Es wäre sinnvoll, solche Profile auch für andere Krankheiten einheitlich zu definieren. Für die Koordinierung solcher Prozesse wäre eine nationale Koordinierungsstelle, die in vielen Ländern bereits existiert, nötig, zumal in Deutschland die Zuständigkeit für Standardisierung verschiedenen Institutionen obliegt.

WAS GESAGT WURDE

„In puncto Standardisierung gibt es viel positive Energie. So etwas habe ich in den 20 Jahren, in denen ich in der Branche tätig bin, noch nie erlebt. Ich freue mich jeden Tag darüber, was wir hier in Deutschland leisten. Bei meiner Arbeit als Sachverständige bei einer Anhörung im Bundestag hat man gemerkt, dass man miteinander versucht, gute Lösungen zu finden. Es wäre mein großer Wunsch, dass wir endlich verstehen, dass es nicht nur um Geld, sondern um Patientenleben geht“, erhofft sich Thun.

„Es ist Bewegung in das Thema Standardisierung gekommen, das ist sehr positiv. Ich wünsche mir, dass wir nicht nur eine Koordinierungsstelle bekommen, sondern auch eine Qualitätssicherung, die transparente Prozesse etabliert, sodass wir gemeinschaftlich an den Dingen arbeiten, um den Mehrwert der diskreten, strukturierten und semantisch interoperablen Daten nutzen zu können“, wünscht sich Ihls.

Sylvia Thun und Alexander Ihls sprachen mit Armin Scheuer, Vice President Business Development International, HIMSS. Die vollständige Aufzeichnung des Gesprächs in deutscher Sprache ist hier verfügbar.

Lesen Sie hier das aktuelle Interview mit Prof. Dr. Sylvia Thun über Interoperabilität in der COVID-19-Krise

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