“Das neue Digitale Versorgung Gesetz dient zuallererst dem Patienten”

Vom 9. bis 13. März 2020 findet die nächste HIMSS Global Health Conference in Orlando statt. Im Gespräch mit Healthcare IT News erzählt Angela Velkova, Director of Communities and Strategic Relations EMEA bei HIMSS, wie man sich in Folge des neuen Digitale Versorgung Gesetzes mit einer HIMSS D-A-CH Delegation auf die Veranstaltung vorbereitet.

von
Anna
Engberg

Sie organisieren im Augenblick eine Multi-Stakeholder-Gruppe für die deutschsprachigen Länder, welche die globale HIMSS Konferenz besuchen wird, um von anderen Gesundheitssystemen zu lernen.

Ja. Wir engagieren unsere Communities zwar lokal vor Ort, bieten aber auch wichtige Lern- und Netzwerkerfahrungen für alle Akteure im Gesundheitswesen – von der Klinik über Forschung und Regierung bis hin zu Studenten, Unternehmern, Innovatoren und Vertretern aus dem Krankenhaus-Management – außerhalb der eigenen Community, um zu sehen, wie andere Länder die digitale Transformation bewältigen und um von diesen Beispielen zu lernen. Daher senden wir jedes Jahr eine bestimmte Anzahl internationaler und damit auch europäischer Delegationen in die Vereinigten Staaten. Für 2020 haben wir vier Delegationen zusammengestellt: die nordische, französische, niederländische und die HIMSS D-A-CH Delegation – mit dem höchsten Teilnahmequote aus Deutschland, nach der Annahme des neuen Digitale Versorgung Gesetzes (DVG).

Wer kann sich der D-A-CH Delegation anschließen und zu HIMSS Orlando 2020 reisen?

Es handelt sich um eine offene Ausschreibung zur Registrierung. Allerdings kann nur eine begrenzte Anzahl von rund 40 Teilnehmern, überwiegend aus Entscheidungsebenen, die HIMSS Global Health Conference in den USA besuchen. Für dieses jährliche Highlight kooperieren wir normalerweise direkt mit speziellen Interessengruppen. Auf Industrieseite kann sich jeder selbstständig anmelden, aber auf Seite der Community arbeiten wir überwiegend mit den Gesundheitsministerien sowie lokalen und regionalen Behörden zusammen. Für Deutschland schließen sich eine Delegation aus Berlin, Brandenburg und Sachsen der D-A-CH Delegation an – bestehend aus Industrieexperten, Firmen und Forschungseinheiten – die sich um Internationalisierung bemühen und beabsichtigen mit US-amerikanischen Gesundheitsakteuren zu kooperieren.

Für diejenigen, die kommen, stellen wir Informationen zum Programm und einzelnen Programminhalten bereit, die das jeweilige Kerninteresse aufgreifen. Außerdem präsentieren wir wichtige Speaker aus den USA und anderen Ländern, die ihr Wissen und ihre „Best Practice“ über Lösungsansätze, Herausforderungen und Implementierungen im Gesundheitswesen teilen.

Darüber hinaus ist die D-A-CH Delegation eine neutrale Plattform, um die interregionale Kooperation zwischen den drei deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz zu diskutieren. Im Anschluss an die Konferenz engagieren wir daher auch die breitere D-A-CH Community, um die Ergebnisse der Konferenz in einem offenen Dialog zusätzlich mit lokalen und regionalen Akteuren zu teilen, denen eine Schlüsselrolle im digitalen Transformationsprozess und -fortschritt zukommt.
 

Welche Akteure im Gesundheitswesen profitieren denn am meisten vom neuen Digitale Versorgung Gesetz und warum?

So wie ich es sehe, hat man das Gesetz ins Leben gerufen, damit es zuallererst den Patienten dient und nutzt. Es bringt die Gesundheitsfürsorge zum Patienten des 21. Jahrhunderts und macht Gesundheitsdienstleistungen leichter und schneller zugänglich bei gleichzeitig steigender Qualität auf Grund von stärkerer Überwachung. Die mobile Gesundheitswelt entwickelt sich weiter, und Ärzte werden in der Lage sein, deutschen Patienten mobile Gesundheitsanwendungen zu verschreiben, sowohl für diagnostische als auch therapeutische Zwecke.

Diese klinischen Anwendungen müssen natürlich über die öffentlichen Gesundheitsversicherer erstattet werden. Deshalb ist es erforderlich, dass wir ihre Qualität verifizieren und zertifizieren, um ihren klinischen Nutzen nachzuweisen, vergleichbar mit der FDA in den USA. So stellen wir sicher, dass sie innerhalb der 12-monatigen Periode tatsächlich in die Anwendung kommen. Die dahinter liegende Idee dabei ist, dass sie dem Arzt als zusätzliche Hilfsmittel zur Arbeitserleichterung dienen, die in der Anwendung gesammelten Daten schließlich für eine bessere Patientenversorgung verwerten und ärztliche Entscheidungen so noch „informierter“, werden. Das DVG will also die Gesundheitsfürsorge in Deutschland benutzerfreundlicher und zugänglicher gestalten, Bürokratie im Krankenhaus abbauen, indem es einen Teil der Pflege in den Komfort des eigenen Zuhauses verlagert, und dabei helfen mit der Patientenflut und Planungsprozessen in der effizientesten Weise umzugehen.

Einige Parteien äußern Bedenken bezüglich der neuen Gesetzgebung. Wieso?

Die deutsche Kultur ist gegenüber digitalen Technologien und Datenaustausch nicht so aufgeschlossen wie andere digital gut entwickelte Gesundheitsmärkte in Europa. Persönlich finde ich, dass das DVG eine großartige Reform ist, die allerdings einige Schritte übersprungen hat.

So steuern wir auf die Verschreibung von digitalen mobilen Gesundheitsanwendungen für Patienten zu ohne eine gesetzliche elektronische Patientenakte (ePA) im Krankenhaus und beim Primärversorger zu haben. Die telematische Infrastruktur und die daran anzuschließende ePA sind momentan noch nicht vorhanden. Wir haben nur eine elektronische Gesundheitskarte als Versicherungskarte, welche Informationen für Erstattungszwecke sammelt. Worüber wir derzeit nicht verfügen, ist eine umfassende medizinische Akte des Patienten, die zusätzlich Patientendaten von mobilen Anwendungen speichert. Das ist eine große Lücke, die wir noch überbrücken müssen.

Welche Risiken, aber auch Herausforderungen sehen Sie voraus?

Meiner Ansicht nach wird die Stagnation als solche, wenn es zu elektronischen Patientenakte auf gesetzlicher Ebene kommt, in Zukunft noch viel mehr Debatten auslösen. Die von zu vielen Stakeholdern gesteuerte Struktur der Selbstverwaltung des deutschen Gesundheitssystems führt zu einem überregulierten System, das unfähig ist, sich zu verändern angesichts der Schwierigkeit, einen Konsens zwischen den vielen Parteien zu erzielen, die in den Entscheidungsprozess involviert sind.

Die größte Herausforderung, die ich für das Gesetz gegenwärtig sehe, besteht darin, dessen Implementierung und den Langzeiteffekt, den viele der Dienste mobiler Gesundheitsanwendungen haben könnten, vollständig zu optimieren.

Welche weiteren Chancen erkennen Sie in der neuen deutschen Politik jenseits des Patientenutzens?

Über das Patienten-Empowerment hinaus sehe ich noch einen weiteren Vorteil: die große Rolle, die den Versicherern zukommt, welche Innovation direkt unterstützen, indem sie Dienstleistungen erstatten und für den Markt bereitstellen. Diese werden maßgeblich in den Zertifizierungsprozess mobiler Gesundheitsanwendungen eingebunden sein. Was die Innovation betrifft: idealerweise erfahren die Entwickler aus der Mobile Health Branche durch die Versicherer Unterstützung, indem diese ihre Produkte weitflächig einsetzen. Den Versicherern wiederum wird eine bedeutend größere Rolle darin zukommen zu erkennen, wie diesen Technologien zum Durchbruch verholfen werden kann, denn – so wie das Gesundheitssystem derzeit funktioniert – muss jeder Versicherer mit dem besten Leistungspaket für die Mitglieder aufwarten.

Indem sie mit mobiler Gesundheit arbeiten, können die Versicherer außerdem ihre mobilen Gesundheitsanwendungen verbessern und Vorreiter für den Datenaustausch werden, der für die Bereitstellung einer personalisierten Versorgung so wichtig ist. Zusätzlich, sofern es diese Möglichkeit geben wird (die derzeit vom Gesetz noch nicht erlaubt ist), könnten Versicherer neben öffentlichen Gesundheitsinstituten und der Wissenschaft an der vordersten Front stehen, wenn es darum geht, Forschungspotenziale durch Zweitverwertung von Daten auszuschöpfen und damit die präventive Versorgung zu fördern.

Gerade in Deutschland haben wir vielfältige Möglichkeiten, jetzt eine erstaunliche Menge an Forschungsdaten zu erfassen, um Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren oder sogar bestimmte Konditionen vorauszusagen noch bevor diese eintreten. Folglich wird die Versorgung personalisierter und qualitativ besser, was langfristig zu einer gesünderen Bevölkerung führt und gleichzeitig die Kosten für die Vesicherer mindert.

Wie sehen die nächsten Schritte für die deutsche Gesundheitspolitik aus?

Wenn es um die ePA geht, sollten wir meiner Ansicht nach ein Opt-out Szenario anstreben. Das sollte „common sense“ sein. Deutschland ist davon jedoch noch weit entfernt – im Gegensatz zu Skandinavien und Großbritannien. In den nordischen Ländern beispielsweise ist Gesundheit ein öffentliches Gut, die Versorgung steht jedem Patienten offen, Gesundheitsdaten sind folglich ebenso öffentlich. Als Gegenleistung für die Gesundheitsdienstleistungen, stimmen mehr als 90 Prozent der Patienten zu, dass ihre Daten zurück an die Forschungseinrichtungen fließen dürfen, um ein besseres Gesundheitssystem, bessere Gesundheitsdienste und ein bessere Gesundheitsmanagement für die Bevölkerung in der Zukunft zu ermöglichen.

Das ist für Deutschland umso wichtiger als digitale Technologien einen entscheidenden Einfluss auf den KPI eines Landes haben können, speziell die Lebenserwartung. Sie fördern überdies die nicht-stationäre Pflege innerhalb der Gemeinde und senken so die Kosten im Gesundheitswesen. Mit über 11 Prozent des BIP, die in das Gesundheitswesen fließen, hat Deutschland mit Abstand die höchsten Gesundheitsausgaben in Europa. Der nationale KPI entspricht allerdings nicht diesen hohen Investitionen. Im Gegenteil: es zeigt sich, dass viele europäische Länder, die weniger ausgeben, besser abschneiden.

Der gemeinsame Nenner zwischen diesen Ländern ist das fortgeschrittene Niveau der Digitalisierung und Integration nationaler Gesundheits- und Pflegesysteme, welche die Versorgung innerhalb der Gemeinde und nicht innerhalb der Krankenhausgrenzen leisten. Mit einem Patientenstamm von 83 Millionen (16 Prozent der EU-Bevölkerung) kann Deutschland zum Game Changer für das europäische Gesundheitswesen werden. Wir hoffen, dass diese Chance erkannt wird und jede Person, vom Patienten bis zum Kliniker, besser über den Nutzen verbesserter Gesundheitsergebnisse durch eine breitflächigere Implementation digitaler Werkzeuge im Gesundheitswesen und die Freisetzung der Macht von Daten und innovativen Technologien informiert ist. Kommunikation, Bildung und Ermächtigung des Bürgers werden dazu der Schlüssel sein!

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Velkova.

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