„Das EPD läuft in der Schweiz noch nicht“

Bis April 2020 sollten sich alle Schweizer Spitäler gemäß dem Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) einer Stammgemeinschaft anschließen, um das elektronische Patientendossier (EPD) schweizweit anzubieten. Ein Jahr später hakt Healthcare IT News jetzt bei Stefan Hunziker, CIO am Luzerner Kantonsspital (LUKS) nach, wie sich das EPD in der Schweiz entwickelt hat und wie das Spital damit umgeht.

von
Anna
Engberg

Herr Hunziker, Sie befassen sich schon länger mit Digitalisierung, Vernetzung und Datenaustausch im Spital. Das LUKS gilt als Vorreiter im Schweizer Gesundheitswesen – und das EPD ist Teil der Schweizer Digitalisierungsstrategie. Wie klappt die schweizweite Umsetzung des EPD?

Hunziker: Um es kurz zu machen: Das EPD läuft in der Schweiz noch nicht und wir haben deshalb am LUKS auch noch keine Erfahrungen damit. Die teils kontroverse Diskussion und die Pandemie haben deutlich Defizite aufgezeigt und verleihen der digitalen Transformation im Gesundheitswesen einen kräftigen Schub. Wir gehen nach aktuellem Stand davon aus, dass wir das EPD ab Herbst 2021 wirklich nutzen können.

Über unser Klinikinformationssystem (KIS), das wir seit 1,5 Jahren am Luzerner Kantonsspital einsetzen, haben wir jedoch bereits seit längerem den Datenaustausch mit dem ambulanten Sektor realisiert und bedienen seit Juni 2020 auch die Patientenseite.

Wie sieht dieser KIS-basierte Datenaustausch mit dem ambulanten Sektor in dieser dualen Strategie aus?

Hunziker: Zur Kommunikation mit den Hausärzten und Zuweisern setzen wir aktuell einerseits das Zuweiserportal aus unserem KIS ein und nehmen so den Hausarzt in das Behandlungsteam auf. Der mitbehandelnde ambulante Arzt erhält unter Zustimmung des Patienten einen umfassenden Einblick in die Krankengeschichte und die Möglichkeit zur Interaktion mit den stationären Kollegen.

Andererseits nutzen wir für die Punkt-zu-Punkt-Kommunikation bereits seit Jahrzehnten eine verschlüsselte Mail-Kommunikationsplattform für das Gesundheitspersonal, genannt HIN (Health Info Net). Der Nutzungsgrad variiert hier stark, je nach Präferenz der ambulanten Versorger.

Wie klappt der KIS-basierte Datenaustausch mit den Patienten?

Hunziker: Mit den Patienten kommunizieren wir über das integrierte Patientenportal, das als eigene Smartphone-App oder Weblösung zur Verfügung steht. Mit der Corona-Pandemie hat die Nachfrage massiv zugenommen. Beide Optionen stellen dem Patienten Laborwerte, Austrittsberichte und Corona-Testresultate bereit. Dies entlastet uns in der aktuellen Situation enorm.

Welche Herausforderungen sind noch zu bewältigen, um das EPD für die Schweizer Spitäler in der Praxis tatsächlich nutzbar zu machen?

Hunziker: Die Stammgemeinschaft, der sich das LUKS angeschlossen hat, ist noch nicht zertifiziert. Dementsprechend ist das EPDG noch nicht in Betrieb. Der Start wurde vom Gesetzgeber mehrmals verschoben und ist für unsere Region noch nicht festgelegt. Unsere Anschlussarbeiten sind soweit möglich abgeschlossen. Die Freigabe des LUKS Konnektors an das EDP steht im Rahmen des Zertifizierungsprozesses noch aus.

Healthcare IT News hat erst vor kurzem über den Status Quo der ePA in Deutschland berichtet. Auch dort ist die nationale Patientenakte noch nicht vollends einsatzbereit. Was würden Sie beiden Ländern auf Grund ihrer Erfahrungen raten?

Hunziker: Eine Fokussierung auf nutzenbringende Anwendungsfälle ist anzustreben. Die Prozesse sollten wirklich digitalisiert werden und nicht 1:1 aus der analogen Welt übertragen werden. Die digitale Transformation ist eine grosse Investition und ohne finanzielle Anreize aus der öffentlichen Hand wird es nicht gehen.

Welche Vorteile bietet Ihnen das KIS von EPIC nach dem nun abgeschlossenen Roll-Out bei der Patientenversorgung noch?

Hunziker: Die Plattform ist stabil und gerade in der Pandemie haben sich einige Vorzüge gezeigt. Durch die Standardisierung im Pflegedienst konnten wir Pflegefachkräfte schnell abteilungsübergreifend einsetzen. Wir haben jederzeit einen detaillierten Überblick über die COVID-19 Fälle und pandemiebezogene Softwareentwicklungen standen uns seitens EPIC zeitnah zur Verfügung.

Für die Resultatübermittlung der Corona-Tests und für die Impfplanung der Patienten und Mitarbeiter setzen wir das Patientenportal ein. Aktuell haben wir über 50.000 aktive Portalnutzer. Die Plattform verwenden wir auch für Heim-Monitoring z.B. zur Überwachung der Sauerstoffsättigung bei Corona-positiven älteren Patienten oder zur Ernährungskontrolle von Adipositas-Patienten. Natürlich gibt es im Nachgang der Einführung noch zahlreiche Optimierungsarbeiten und weitere Standardisierungen und auch der strukturierte Datenaustausch werden angestrebt.

Was können Sie ansonsten über die von Ihnen am LUKS eingesetzte und in der Schweiz relativ erfolgreiche KIS-Lösung von EPIC berichten?

Hunziker: Wir verwenden eine integrierte Plattform mit Zentrierung auf den Patienten. Dabei setzen wir Schwerpunkte auf die interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit in der individuellen Patientenbetreuung. Daneben verfügen wir auf Systemebene über Echtzeit-Informationen zur Planung, zum Monitoring und zur Ressourcensteuerung sowie über Daten zur Unterstützung des Qualitätsmanagements.

Wir führen am LUKS jährlich zwei Upgrades mit Neuerungen durch und haben im EPIC-Toolset auch Instrumente der Interoperabilität zur Hand. So sind wir z.B. selbständig in der Lage, die vom Regulator geforderten COVID-19-Impfdaten an nationale Register zu liefern. Was erhoffen Sie sich vom EPD in der Zukunft?

Hunziker: Im Moment liefern wir zwar die Daten an das EPD. Das merkt der Endanwender jedoch nur beschränkt. Die Kernfrage ist: Was ist überhaupt behandlungsrelevant? Was sollen wir liefern und was aus dem EPD ist für uns als Spital relevant? Das ist eine große Debatte in der Schweiz, zumal die Daten derzeit noch unstrukturiert in Dokumenten geliefert werden. Wir streben am LUKS einen strukturierten Datenaustausch an und werden vor allem auf das Impfdossier und die Medikation als erste Anwendungsfälle fokussieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

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