„Digitale UX-Convenience muss im Gesundheitswesen erst noch Einzug halten“

In der digitalen Entwicklung, insbesondere im Patienten Empowerment, liegt großartiges Potenzial, vor allem für chronisch Kranke, aber auch für das Gesundheitssystem als Ganzes. So die Meinung von Jeremy Dähn, Manager im Business Development bei Curalie und Mitglied im Führungskomitee der HIMSS D-A-CH Community. Im Interview mit Healthcare IT News teilt er seine Ideen darüber, wie uns digitale Gesundheits-Dienste und Netzwerke aus der COVID-19-Krise steuern könnten.

von
Anna
Engberg

Herr Dähn, wie sehen Sie die Digitalisierung des deutschen Gesundheitsmarkts auf dem Hintergrund der Coronakrise?

Dähn: Im Moment sehe ich den alleinigen Fokus auf die Krise kritisch. Start-Ups ändern ihr Geschäftsmodell und richten sich neu auf die Behandlung von Covid-19-Patientinnen und Patienten aus. Dabei ist nicht einsehbar, inwieweit sie sich an Leitlinien und Datenschutz halten und die Evidenz in der kurzen Zeit nachweisen können. Die Krise wird irgendwann zu Ende sein. Unternehmen sollten sich nicht allein darauf konzentrieren, ihre Zielgruppe um Covid-19-Patientinnen und Patienten zu erweitern, sondern sich auch verstärkt auf ihr Kernprodukt fokussieren.

Gerade jetzt in der Krise, wo Patientinnen und Patienten wie auch Gesunde verunsichert sind, dürfen wir nicht vergessen, dass sowohl Ältere, aber auch junge Menschen mit chronischen Erkrankungen, dauerhaft auf sich allein gestellt sind. Deutsche Ärztinnen und Ärzte sehen ihre Patientinnen und Patienten durchschnittlich einmal pro Quartal für sechs Minuten bei überfüllten Wartezimmern.

Wie genau kann das digitale Umdenken zu Gunsten der Patientinnen und Patienten hier nutzen?

Dähn: Telemedizin, E-Rezept, die digitale Patientenakte und der digitale Impfpass sind erste Antworten auf diese Situation. Das flächendeckende Ausrollen erfordert viel Zeit. Beim Online-Banking benötigte Deutschland ganze 20 Jahre, um 65 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. Müssen Patientinnen und Patienten für einfache Erkrankungen oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nicht mehr zur Arztpraxis, wäre das eine Erleichterung. Kosteneinsparungen ergeben sich für das Gesundheitssystem hierbei jedoch nicht, solange nicht „Maschinen“ oder Chatbots diese Aufgaben übernehmen.

Die aktuelle Pandemie beschleunigt das flächendeckende Ausrollen bereits vorhandener technische Entwicklungen wie Telemedizin oder Chatbots zur Diagnoseermittlung. Eine Antwort darauf, ob solche Verhaltensänderungen langfristig andauern und die Behandlung nachhaltig günstiger und besser ist, haben wir aktuell noch nicht.

Wie würden Sie den aktuellen Markt für digitale Gesundheitsdienste in der DACH-Region und international beschreiben?

Dähn: Wir kennen etablierte Präventionsprogramme wie z.B. Fitnesstraining und Workouts für zuhause schon seit dem letzten Jahrhundert. Diese Idee hat man nun für funktionale, physiotherapeutische und orthopädische Bewegungsübungen adaptiert. Digitale Therapien, die man online zuhause durchführt, umfassen Übungen und Wissen zu Gesundheit, Ernährung, Entspannung und Bewegung. Wer will, lässt sich mittels Wearables aktiv durch einen Gesundheitscoach begleiten. Dieser meldet sich bei Unregelmäßigkeiten und beantwortet aufkommende Fragen. Das war schon vor Ausbruch der Pandemie ein wichtiger Baustein der Patientengesundheit.

International gibt es Lösungen wie Omada Health, Livongo oder Onduo, die Gesundheitscoaching und digitale Companion-Lösungen für langfristige Verhaltensänderungen anbieten. Auf dem deutschen Gesundheitsmarkt ist man zum Beispiel mit mySugr und TeliPro der DITG im Bereich Diabetes sowie mit HelloBetter vom GET.ON Institut für psychologische Erkrankungen aktiv. Insbesondere chronisch kranke Menschen profitieren von der Digitalisierung am meisten.

Woran machen Sie das fest?

Dähn: Die Digitalisierung unterstützt solche Patientinnen und Patienten bei langfristigen Verhaltensänderungen ihrer Ernährungs- und Bewegungsmuster sowie bei ihrer Therapietreue. Studien zeigen, dass je nach Krankheit die Medikamentenadhärenz bei lediglich 50 Prozent liegt.

Schaut man allein auf die Herausforderung, den Lebensstil durch Sport, gesunde Ernährung oder den Verzicht auf Zigaretten und Alkohol zu verbessern, stellt man fest, dass das, was sich in Laborsituationen wie Kliniken gut umsetzen lässt, sich zuhause nur schwierig durchhalten lässt. Wer jedoch gezielt entsprechende Gesundheits-Apps nutzt und auf ein Gesundheitscoaching setzt, wird dagegen durchgehend unterstützt und begleitet und mit anderen Betroffenen vernetzt. Ein kritisches Fortschreiten der Krankheit bis hin zum Tod kann so vermieden werden.

Für die digital optimierte Versorgung dieser Patientengruppe spricht auch, dass sich hierüber im Gesundheitssystem direkt und indirekt viel Geld einsparen ließe: Laut OECD-Schätzungen liegen die Kosten für den langfristigen Ausfall von Arbeitskräften durch chronische Erkrankungen bei 21 Mrd. Euro. Addiert man die Folgekosten, beträgt der Wirtschaftsausfall 1,5 bis 2 Prozent des BIP.

Welche digitalen Trends für Patientinnen und Patienten werden die Zukunft bestimmen?

Dähn: Der Fokus wird in Zukunft auf Prävention und Gesunderhaltung liegen. Wearables und Nano-Technologie erkennen drohende Krankheiten oftmals frühzeitiger, noch bevor langfristige körperliche Schädigungen eintreten. „Predictive Medicine“ wird uns bis ins hohe Lebensalter aktiv, gesund und fit halten.

Anhand von virtuellen Zwillingen wird jede mögliche Therapie simuliert, um Patientinnen und Patienten bestmöglich zu beraten. Intelligente Spiegel können Hautveränderungen, Augendruck und Bewegungen analysieren. Auf den umfassenden Trikorder aus der Serie Star Trek oder den umfassenden 3D-Druck von Körperteilen werden wir aber wohl noch länger warten müssen.

Warum sollten die „Digital Leaders“ im Gesundheitswesen jetzt verstärkt Fokus auf die User Experience (UX) und ein positives Patientenerlebnis legen?

Dähn: In traditionell digitalen Bereichen wie e-Commerce oder Plattformgeschäften sind Menschen bereits an Bequemlichkeit gewöhnt, das Shoppingerlebnis von Amazon ist bereits Standard. Im Gesundheitswesen muss diese Convenience in dieser Form erst noch Einzug halten. Oft verzweifeln Patientinnen und Patienten noch an digitalen Anwendungen. Die Anbieter von digitalen Medizinprodukten müssen regulatorische Herausforderungen, wie z.B. Datenschutzvorschriften erfüllen. Somit entsteht für viele digitale Gesundheitsdienste ein Spannungsfeld zwischen der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und einer optimalen UX.

Regelmäßige Anpassungen beim Design und Patientenpfaden können zudem eine Rezertifizierung notwendig machen. Auch Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte sind betroffen: Krankhaus- und Arztinformationssysteme sind zumeist zwar funktional, aber nicht unbedingt anwenderfreundlich.

Wie unterstützen Sie Gesundheitsunternehmen bei dieser Zielsetzung?

Dähn: Im Zuge meiner Arbeit bei Curalie, einem Spin-off der Helios Kliniken, arbeite ich eng mit Startups und Innovationsunternehmen zusammen. Diesen stelle ich immer folgende Fragen: „Welches konkrete Problem löst ihr? Wie hoch sind die Kosteneinsparungen oder Mehrgewinne für die Gesundheitseinrichtungen oder Krankenkassen? Wie valide sind die Aussagen und sind die Ergebnisse durch Daten, bestenfalls Studien, verifiziert?“

Curalie entwickelt digitale Therapien für die Rehabilitation und Akutversorgung chronisch Kranker, in enger Zusammenarbeit mit Patientinnen und Patienten sowie Krankenhäusern, MVZ und Pflegezentren aus dem Fresenius-Netzwerk. Im Zentrum der Entwicklung stehen die Probleme und Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten aus den Helios und Vamed Kliniken, die in Anwender-Workshops erhoben werden. Gemeinsam mit diesen Zielgruppen entwickelt und testet Curalie so leitliniengerechte, verschreibungspflichtige digitale Therapien, die Forschung, Therapie-Management, UX-Design und Aspekte der Produktentwicklung berücksichtigen.

Aus meiner Sicht muss Software zweckgebunden sein, konkrete Probleme lösen und in der Anwendung intuitiv sein. Gelingt das, ist sie erfolgreich. Zeigen Terminbuchungssysteme freie Termine an, die sofort gebucht werden können, schafft das einen Mehrwert. Muss eine Patientin oder ein Patient nicht sechs Stunden in der Notaufnahme sitzen, ist Telemedizin ein Erfolg. Ebenso haben Ärztinnen und Ärzte, die nur wenig Zeit für die Dokumentation aufwenden müssen, logischerweise mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten.

Stichpunkt Netzwerke: warum sollte sich damit heute jede Führungskraft im Gesundheitssektor befassen?

Dähn: Gesundheitsnetzwerke werden uns in Zukunft verstärkt beraten und durch das Gesundheitssystem navigieren. Menschen mit seltenen Erkrankungen werden heute durch Symptom-Checker wie Ada Health bis zu 7 Jahre früher diagnostiziert und auch chronisch Kranke profitieren, wenn Ärztinnen und Ärzte Therapien besser untereinander abstimmen und koordinieren. So entsteht das „Care Team“, ein Pflegenetzwerk.

Rund 5 Prozent der Krankenhausaufnahmen sind durch Neben- und Wechselwirkungen verursacht – es fehlt der Kompletteinblick in den Medikationsplan und die Überwachung der Einhaltung von Medikamenten-Einnahmen und Dosierungen. Expertinnen und Experten gehen heute davon aus, dass negative Wechselwirkungen und fehlerhafte Verabreichung von Medikamenten die fünfthäufigste Todesursache in Deutschlands Krankenhäusern sind: mit jährlich bis zu 30.000 Toten.

Weitere rund 1,6 Mio. Menschen* müssen deshalb kostenintensiv, schlimmstenfalls sogar ein Leben lang behandelt werden. Durch einen einheitlichen digitalen Medikationplan, ein geschlossenes Medikationssystem („closed loop“) im Krankenhaus und eine verbesserte Patientenaufklärung ließe sich das verhindern.

*Quelle: Bundesverband Patientenindividueller Arzneimittelverblisterer e.V.


Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dähn!


Jeremy Dähn ist Experte für das digitale Gesundheitswesen. Bei Europas größtem Krankenhausbetreiber Helios / Fresenius und Europas führendem Medienhaus Axel Springer sammelte er umfangreiche Kenntnisse im Bereich Digitalisierung und unterstützte dabei aktiv zwei Erfolgsgeschichten in ihrer digitalen Transformation.

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