„Der Erfolg digitaler Strategien hängt von Klinik- und Pflegeleitung ab“

Digitale Maßnahmen in kleinen Etappen – oder Rundum-Digitalisierung mit organisatorischer Höchstleistung? Den Dialog dazu eröffnen zwei führende IT-Köpfe der Vereinigung Gesundheitsinformatik Schweiz (VGIch) hier auf Healthcare IT News: Stefan Beyeler, KIS-Projektleiter am Stadtspital Waid und Triemli – Zürichs großem Zentrumsspital – und Roland Blätter, Leiter Informatik am zehnmal kleineren Kantonsspital Obwalden. Mit interessanten Einsichten.

von
Anna
Engberg

Das Zürcher Zentrumsspital und das kleine Kantonsspital – unterschiedlicher geht es kaum. Bitte stellen Sie sich und Ihre Häuser kurz vor.

Beyeler: Ich bin seit 2015 Präsident der Vereinigung Gesundheitsinformatik Schweiz VGIch und arbeite parallel im Stadtspital Waid und Triemli Zürich als externer Gesamtprojektleiter für die Evaluation und Einführung eines neuen KIS. Als Grundversorger der Stadt Zürich mit mehr als 4000 Mitarbeitenden und rund 680 Betten bietet das Stadtspital alle relevanten Fachdisziplinen an nebst Forschung.

Blättler: Ich bin VGI Vorstandsmitglied. Als IT-Leiter im Kantonsspital Obwalden renne ich vor allem den fehlenden Mitteln hinterher. Obwalden ist ein sehr kleines Haus mit 500 Mitarbeitern und 65 Betten. Wir sind quasi zehnmal kleiner als das Stadtspital Waid und Triemli. Dadurch sind wir aber sehr flexibel und können Neuerungen schnell umsetzen. Wir haben unser KIS 2012 eingeführt und sind fast flächendeckend digitalisiert.

Sie sprechen von Digitalisierung. Vor welchen Zielen und Herausforderungen stehen Sie gerade?

Beyeler: Für mich persönlich eindeutig die KIS-Evaluation als Ersatzbeschaffung für das bisherige KIS. Ziel ist, dass wir spital- und standortübergreifend einen durchgängigen Behandlungsprozess unterstützen können. Aktuell läuft die Ausschreibung. Bis Ende des Jahres wollen wir den neuen Partner für die Umsetzung ab 2020 festgelegt haben. Die Digitalisierungsstrategie ist zentral aufgesetzt und es wird quer durch alle Abteilungen digitalisiert. Das KIS ist dabei das Herzstück, an welches sich zahlreiche Systeme anschließen.

Wir planen ein Vorgehen in drei Etappen: zuerst führen wir mit eMedikation und eKurve zwei neue Funktionen ein, die im jetzigen KIS noch nicht vorhanden sind. In den Folgejahren migrieren wir nacheinander die Standorte Triemli und Waid auf das neue KIS. Ob wir die über 40 Kliniken nacheinander einführen oder eine Big-Bang-Einführung durchführen, wird sich auf Grund unserer Größe und Komplexität erst zeigen, sobald zusammen mit dem neuen Anbieter eine entsprechende Planung erstellt wurde. Ab 2023 soll das Projekt abgeschlossen sein. Natürlich wissen wir alle, dass ein KIS-Projekt „niemals“ wirklich abgeschlossen ist…

Welche digitalen Pläne haben Sie in Obwalden, Herr Blättler?

Blättler: Die Digitalisierung ist bei uns ein permanenter Prozess, der bei uns schrittweise durchgeführt wird. Während in großen Häusern wie in einem Stadtspital durch die höhere Komplexität und Mitarbeiterzahl manches langsamer abläuft, können wir im kleinen Spital digitale Maßnahmen schlanker und organisatorisch leichter durchführen. Der Erfolg steht und fällt jedoch auch mit den Klinik- und Pflegeleitungen. Nur mit deren Unterstützung kann die IT Projekte erfolgreich umsetzen. Und natürlich das Engagement der Anwender – ohne dieses geht es nicht.

Mitarbeiter-Engagement ist also eines der zentralen Anliegen der Spital-IT?

Blättler: Genau. Etwa im ambulanten Bereich. Ärzteschaft und Pflege halten die digitale Dokumentation weiterhin oft für nachrangig und die manuelle Dateneingabe für ausreichend. „Mit Papier und Fax ist es doch viel einfacher“ ist eine Einstellung, die nach wie vor vorherrscht. Umso wichtiger erscheint es mir deshalb, die Mitarbeiter mitzunehmen. Es nützt nichts, wenn Leute an der Front etwas wollen oder wir von der IT die richtige Richtung vorgeben. Jede Fachrichtung hat ihre eigenen Ideen. Das ist die große Herausforderung, Leute digital zu führen. In Obwalden haben wir unsere Mitarbeiter bei den bisherigen Entscheidungsprozessen in die Projektteams integriert und sie müssen Verantwortung für die Umsetzung übernehmen.

Roland Blätter, Leiter Informatik am Kantonsspital Obwalden und VGI Vorstandsmitglied

Ist das auch für Sie am großen Stadtspital ein Thema, Herr Beyeler?

Beyeler: Ja, auch im Stadtspital Waid und Triemli ist die enge Vernetzung der IT mit den klinischen Fachbereichen und Anwendern wichtig. Bei einem großen Spital wie unserem gibt es aber noch weitere Herausforderungen wie zum Beispiel einen Konsens zu finden für spitalweit durchgängige Prozesse und Systeme. Kurze kommunikative Wege, die im kleinen Spital möglich sind, funktionieren hier nicht mehr. Wir müssen vielmehr die ganze Kommunikation organisatorisch standardisieren, d.h. Gremien und Plattformen schaffen, damit dieser Austausch überhaupt stattfinden kann. 2018 haben wir dahingehend viel investiert, vor allem für Services mit Querschnitt-Funktion für das ganze Haus. Ein einzelnes Projekt wie z.B. in der Augenklinik mag noch verhältnismäßig leicht umsetzbar sein. Sobald man aber über KIS und Leistungserfassung spricht, betrifft das sofort das gesamte Spital. Das braucht eine völlig andere Art der Zusammenarbeit. Daher haben wir eigens für KIS ein rund 10-köpfiges „KIS Service Owner Team“ (KISOT) aus verschiedenen Berufsgruppen und Fachgebieten geschaffen, die sowohl im betrieblichen Bereich zur Beurteilung und Freigabe von Änderungen wie auch im aktuellen Projekt zusammenarbeiten und Entscheidungen treffen können, die das ganze Spital betreffen. In einer eigens dazu erarbeiteten und von der Spitalleitung in Kraft gesetzten Geschäftsordnung sind die Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten klar geregelt. Dank dieser Maßnahmen versprechen wir uns gute Chancen für die Umsetzung von spitalweit durchgängigen Prozessen.

Wie laufen die EPD-Vorbereitungen an Ihren Spitälern?

Beyeler: In einem ersten Schritt ist das EPD aus meiner persönlichen Sicht ein „Nebenprodukt“ aus einer vorausschauend geplanten Umsetzung eines Healthcare Content Management Systems. An beiden Standorten wurden bereits die entsprechenden Vorbereitungen getroffen und intensiv in Healthcare Content Management Systeme und in die Klassifizierung von Inhalten mit Metadaten investiert, um künftig Dokumente wie z.B. Austrittsberichte vollautomatisiert an das EPD übergeben zu können. Zu Beginn wird das EPD noch stark dokumentenbasiert sein und der Dokumentenaustausch in der Anfangsphase sicherlich noch ziemlich limitiert und halbautomatisiert ablaufen.

Blättler: In Obwalden führen wir gesetzeskonform nur die notwendigen Vorkehrungen zum EPD durch. Aus unserer Sicht weist das Gesetz schwerwiegende Lücken auf: zum Einen verpflichtet es stationäre Leistungserbringer sich einer Stammgemeinschaft anzuschließen, definiert aber nicht, wo sich Patienten für das Dossier registrieren können. Zweitens ist die Identifizierung via e-ID weiterhin ungeklärt. Aus diesem Grund verfolgt unsere Direktion wie einige andere Spitäler die Strategie, nur das gesetzliche Minimum zu erfüllen. Natürlich arbeiten alle in Richtung Digitalisierung, aber es fließt trotz aller Anforderungen beim Gesetzgeber kein Geld.

Wofür plädieren Sie angesichts dieser Lage?

Blättler: Für mehr politisches Engagement und vor allem finanzielle Anreize. Auch für die Niedergelassenen. Derzeit haben wir zwei Extreme: in der Zentralschweiz unternimmt das Luzerner Kantonsspital (LUKS) mit der Software von Epic eine umfassende Digitalisierung an allen Fronten; auf der anderen Seite haben wir ein kleines Kantonspital wie das unsrige in Obwalden, das durchaus stark digitalisiert ist, dem jedoch die Mittel fehlen, um eine vollständige Integration in die EPD-Plattform vorzunehmen. Staat, Bund und eHealth Suisse verlangen viel, aber gerade die kleinen Spitäler sind auf Hilfen angewiesen.

Beyeler: Das LUKS verfolgt mit seinem umfassenden amerikanischen KIS einen neuen Ansatz, der sich hier im deutschsprachigen Raum erst noch beweisen muss. Das Stadtspital Waid und Triemli legt Wert auf eine gewisse Sicherheit und hat im Rahmen der KIS-Ausschreibung daher auch nur Anbieter mit mehreren Referenzen im deutschsprachigen Raum zugelassen. Das Ziel ist natürlich auch hier eine hohe Durchgängigkeit und Automatisierung – jedoch mit weniger Risiken.

Der VGIch ist 2019 als Patronatspartner am Swiss eHealth Summit in Bern präsent. Was sind Ihre zentralen Themen?

Beyeler: Als praxisorientierter Berufsverband ist die Vereinigung Gesundheitsinformatik Schweiz VGIch weniger auf der geschäftsstrategischen High-Level-Ebene zuhause als vielmehr im Konkreten: Unsere Mitglieder sind Informatiker, CIOs und Spezialisten. Dementsprechend fokussieren wir auf praxisorientierte Lösungsansätze, die realisierbar sind und konkrete Hilfestellung, Grundlagen und Nutzen bieten. Das EPD ist momentan zwar ein Thema, aber bei weitem nicht das größte – eher ein Nebenschauplatz, den man gesetzlich erfüllen muss. Die Post geht an ganz anderen Orten ab. Digitalisierung ist weiterhin unser bestimmendes Thema, vor allem durchgängige Prozesse zur Unterstützung der klinischen Bereiche. Informatik ist niemals ein Selbstzweck, sondern steht im Dienst der Kunden bzw. Anwender.

Blättler: Vor allem freut es uns, wenn unsere Mitglieder immer wieder für Vorträge angefragt werden und aus der Praxis sprechen. Wir vertreten quasi den digitalen Maschinenraum. Es ist immer gut zu sehen, wie diese Perspektiven dann mit den strategischen Aspekten zusammenpassen. Quasi ein Input von Praktikern für Praktiker.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Beyeler und Herr Blättler.

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