„Die Pandemie hebt digitale Gesundheitsservices auf eine neue Umlaufbahn“

Was bedeutet digitales Empowerment in Zeiten der COVID-19-Gesundheitskrise für Patienten? Das beleuchtet Dr. Ulrike Deetjen, Mitglied im Führungskomitee der HIMSS D-A-CH Community im Gespräch mit Healthcare IT News. Als Partnerin bei McKinsey & Company berät sie Versicherer und Krankenkassen rund um Digitalisierung und damit verbundene Ökosysteme. Sie erzählt außerdem, was Gesundheitsversorger jetzt für eine positive digitale Patientenerfahrung tun können.

von
Anna
Engberg

Was hat die COVID-19-Pandemie mit digitalem Empowerment von Patienten zu tun?

Deetjen: Die aktuellen COVID-19-Entwicklungen stellen eine Disruption dar, die digitale Gesund­heitsdienste klar an Bedeutung gewinnen lässt: die Bevölkerung will sich zu Gesundheitsfragen individuell informieren, soll Arztpraxen jedoch meiden. Wir haben somit einen erhöhten Informationsbedarf bei gleichzeitigen Einschränkungen für das öffentliche Leben und physische Kontakte. Das hat einen positiven Effekt auf digitale Gesundheitsdienste. Tatsächlich hat die Entwicklung das Potenzial, digitale Gesundheitsservices auch zukünftig auf eine neue Umlaufbahn zu heben.

Woran machen Sie das fest?

Deetjen: Aktuell sehen wir eine regelrechte Explosion der Download-Zahlen von Telemedizin­anbietern: Die vier größten deutschen Anbieter verzeichnen einen Zuwachs von 400 Prozent seit Jahresanfang und allein um 130 Prozent in der Woche von 16. bis 20. März. Ein Teil davon wird nachhaltig sein: Ist die App erst einmal heruntergeladen, ist die Hemmschwelle der ersten Nutzung überwunden. Bei positiver Nutzererfahrung verwenden einige dieser Patienten die App auch dann weiter, wenn das öffentliche Leben wieder seinen gewohnten Gang geht.

Dr. Ulrike Deetjen, Partnerin bei McKinsey & Company und Mitglied im Führungskomitee der HIMSS D-A-CH Community

Woran merken Sie, dass Patienten der Zugang zu digitalen Gesundheitsdiensten immer wichtiger wird?

Deetjen: An den Patientenumfragen der letzten Jahre. Insbesondere die Online-Terminvereinbarung für Fach- und Hausärzte und das E-Rezept, das spätestens 2022 selbstverständlich sein wird, werden genannt. Getrieben durch Nutzererfahrungen anderer Industrien hört man verstärkt den Wunsch nach vollständig digitaler Interaktion: von der Online-Meldung zur Arbeitsunfähigkeit bei der Krankenkasse über telemedizinische Beratung bis zu volldigitalen Begleitangeboten für chronische Krankheiten. 

Welche Maßnahmen sind im deutschen Gesundheitssektor bereits gut umgesetzt, was kommt noch?

Deetjen: Wir haben bereits viele, gut umgesetzte Services innovativer Anbieter in Deutschland, doch es fehlt eine Integration in die medizinische Regelversorgung und Verknüpfung zu nahtlosen Patientenreisen. Stellt ein Patient etwa in einem Symptom-Checker ein Problem fest, sollte er direkt zur Terminbuchung oder Online-Sprechstunde weitergeleitet werden oder ein E-Rezept erhalten nebst direkter Belieferung mit dem Medikament in einigen Fällen. Zusätzlich sollten diese Daten – unter Einwilligung des Patienten – zur Hausarztpraxis und in die elektronische Patientenakte fließen, damit die verschiedenen Services nahtlos mit der bisherigen Behandlung verknüpft werden.

Was braucht es für eine nach­haltige Nutzung digitaler Gesundheitsangebote?

Deetjen: Durch Alltagserfahrungen mit Technologiegiganten und digitale Shopping-Erlebnisse haben Patienten heute klare Erwartungen. Damit digitale Gesundheitsservices initial und anschließend regelmäßig genutzt werden, muss die Nutzererfahrung exzellent sein, denn offline gibt es hierzulande zumeist gute Ersatzleistungen.

In diesem Punkt unterscheidet sich die D-A-CH Region vom Ausland: so wurde etwa in China die Einführung der telemedizinischen Beratung „Good Doctor“ sofort begrüßt. Die chinesische Bevölkerung ist digitale und mobile Services ebenso wie die Nutzung ihrer Daten über alle Lebensbereiche hinweg überdies stärker gewohnt, daher ist die Situation sicherlich nicht vollständig vergleichbar. Es muss auf jeden Fall auch das Vertrauen in Datenschutz und Datensicherheit stimmen.

Was bleibt für Gesundheitsversorger und Politik noch zu tun?

Deetjen: Nicht konkrete Maßnahmen, sondern die institutionelle Unterstützung sind entscheidend, damit sich in Europa echte Gesundheitsökosysteme bilden. Apps sind per Definition zumeist Insellösungen. Sie könnten eine deutlich positivere Patientenerfahrung ermöglichen, wenn man sie als nahtlose Patientenreise in das Gesundheits­wesen integriert und ihren medizinischen Nutzen datenbasiert bewertbar und transparent macht.

Deutschland geht hier mit dem bereits Schritte in die richtige Richtung, um die Vernetzung zu fördern. In diesem Zuge sollen z.B. Krankenkassen den medizinischen Nutzen von Apps bewerten, indem sie deren Nutzung mit den tatsächlichen medizinischen Ergebnissen zusammenbringen. Das schafft Anreize und tragfähige Geschäftsmodelle für Anbieter – und kommt letztlich dem Patienten zugute.

Wie können Gesundheitsnetzwerke in Zukunft Nutzen stiften?

Deetjen: Ganz klar durch die Entwicklung von Gesundheitsökosystemen für die ganzheitliche Versorgung: indem man Patienten integriert über einzelne Versorgungseinrichtungen hinweg betrachtet. Dadurch finden auch sekundäre Faktoren wie Bewegung, Ernährung, Stress oder Schlafgewohnheiten Eingang in das Gesamtbild. Bei vielen Krankheiten wie Demenz weiß man heute, dass Lebensstil-Aspekte wichtige Einflussfaktoren sind. Solche neu verfügbaren Daten erschließen in Kombination mit medizinischen Faktoren neue Chancen für Behandlung, Forschung und Medikamenten-Entwicklung.

Führungskräfte im Gesundheitswesen müssen deshalb interdisziplinär denken und Anreize schaffen, um positive Gesundheitsergebnisse durch die digitale Versorgung des Patienten zu erzielen. Anpassungen im Vergütungssystem sehe ich daher als eine weitere wesentliche Herausforderung. Wenn das gelingt, und gleichzeitig technologische Voraussetzungen für eine nahtlose Integration von Gesundheitsdiensten vorhanden sind, kann Deutschland die aktuelle Pandemie sogar als Katalysator für eine nachhaltige Stärkung digitaler Innovation im Gesundheitswesen nutzen.


 

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