Die vergessenen Patienten: COVID-19 und seine Auswirkungen

COVID-19 hat die Schwächen derzeitiger Gesundheitssysteme aufgezeigt und es bleibt zu befürchten, dass die Folgen für gefährdete Bevölkerungsgruppen dauerhaft sind, meinen Marco Greco, Präsident des European Patients Forum (EPF) und Jan-Philipp Beck, Geschäftsführer von EIT Health.

Die COVID-19-Pandemie traf uns unvorbereitet. Die Notwendigkeit, das Virus zu bekämpfen, war dringend und allumfassend. Folglich lag der medizinische Schwerpunkt weitgehend auf dem Virus, was zu einer Verlagerung und Prioritätensetzung bei den Ressourcen geführt hat. Weltweit haben Gesundheitssysteme versucht, die Auswirkungen auf die Menschen einzudämmen, wobei die vorhandenen Ressourcen in vielen Ländern unzureichend waren.

Bereits vor Ausbruch dieser Pandemie stand Europa vor der großen Herausforderung, Patienten mit schweren, nichtübertragbaren Erkrankungen zu versorgen, was nach wie vor der Fall ist. Die Auswirkungen solcher Krankheiten auf die Patienten verschwinden nicht mit unserer Neuorientierung an COVID-19, wie dringend diese auch sein mag.

Die vergessenen Patienten

Patienten mit nichtübertragbaren Erkrankungen sind besonders anfällig für COVID-19 und haben ein höheres Risiko für schwere Krankheiten und Todesfälle. Zudem sind sie infolge der durch die Pandemie verursachten Einschränkungen in ihrer  Gesundheitsversorgung – Verzögerungen bei Behandlungen, Wegfall routinemäßiger Pflegedienstleistungen sowie Unsicherheit bezüglich der Verfügbarkeit von Medikamenten – mehr denn je einem Risiko ausgesetzt.

In vielen Fällen wurden Leistungen eingeschränkt, um Patienten vor der Exposition mit dem Virus zu schützen oder infolge reduzierter Versorgung abseits von Notfällen. Die Diagnose neuer Krebserkrankungen wird sich voraussichtlich erheblich verzögern, was sich wiederum auf die Erfolgsquote von kurativen und nicht-kurativen Behandlungsstrategien auswirken kann.

Trotz der enormen Bemühungen von Patientenvertretern in ganz Europa hat man den Eindruck, dass der Schutz dieser besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe in vielen Ländern im aktuellen öffentlichen Diskurs größtenteils außer Acht gelassen wurde. Viele Patienten sehen sich mit weiteren Ungewissheiten und Sorgen um ihr Leben konfrontiert. Ihre Angst wächst angesichts der Frage, wie lange COVID-19 noch die Versorgung, die ihnen zugänglich sein soll, beeinträchtigen wird.

„Wegen dieser ständigen Angst werde ich von Stress, Unruhe, Schlaflosigkeit und Müdigkeit geplagt. Ich hoffe, dass dies nicht zu schwereren Symptomen führt. So beeinträchtigt die COVID-19-Pandemie mein tägliches Leben. Hoffentlich werden andere Patienten mit chronischen Erkrankungen nicht mit einem ähnlichen Szenario konfrontiert”, meinte dazu Cassandra Alexis, eine Lupus-Patientin aus Frankreich.

„Die eigentliche Herausforderung ist, weiter Vertrauen zu haben bei Fragen wie: Gibt es langfristig genügend Medikamente; kann ich mich darauf verlassen, dass weiterhin Arzttermine im Krankenhaus möglich sind?”, ergänzte Carine Besselink Berendsen, Nierentransplantations-Patientin aus den Niederlanden.

Klinische Studien werden aufgrund der praktischen Herausforderungen der Forschungstätigkeit vermutlich ebenfalls verschoben oder ausgesetzt, was nicht nur zu mangelnden Möglichkeiten für Patienten führt, sondern auch bei der Entwicklung neuer Medikamente und Technologien einen Rückschritt bedeuten kann.

„Was die Gemeinschaft der Melanom-Patienten betrifft, haben wir festgestellt, dass unsere Folgetermine und Kontrollscans verschoben werden, wobei Patienten nun mit Behandlungsmethoden versorgt werden, die weniger wirksam sind und geringere Nebenwirkungen haben, Medikamente oral statt intravenös einnehmen oder die Behandlung komplett eingestellt wird. Klinische Studien werden einfach abgeschlossen, sodass Patienten, bei denen alle anderen Behandlungen keinen Erfolg hatten, ohne Möglichkeiten sind“, kommentierte Bettina Ryll, Vertreterin von Melanom-Patienten aus Schweden.

Das Bestreben, Technologie einzusetzen, muss im Mittelpunkt stehen

Zeit und Daten sind nötig, um die gesamten Auswirkungen auf Patienten mit nichtübertragbaren Erkrankungen festzustellen, diese werden allerdings keineswegs unbedeutend sein. Wir hören bereits von herzzerreißenden Fällen, in denen Patienten während der Pandemie ihr Leben verloren haben. Ein vor Kurzem in Annals of Oncology veröffentlichter Artikel beschreibt, dass im Hinblick auf Operationen bei aggressiven Krebsarten bereits geringfügige Verzögerungen erhebliche Auswirkungen auf die Überlebensraten haben können, wobei sich die Überlebensrate bei sechs Monaten um 30 Prozent und bei drei Monaten um 17 Prozent verringert.

Ungeachtet des enormen Drucks von COVID-19 auf unsere Gesundheitssysteme ist es entscheidend, dass hilfsbedürftige Patienten im Gesundheitswesen auch weiterhin versorgt werden. In der Tat ist COVID-19 eine Erkrankung, mit der wir zum ersten Mal konfrontiert sind, wobei es nicht das erste Mal ist, dass wir mit einer hochansteckenden Infektionskrankheit zu kämpfen haben. Dies wirft die Frage auf, wie wir demgegenüber so ungeschützt sein konnten. Was wir beobachtet haben, war eine mangelnde Krisenvorsorge-Strategie, das Fehlen aufeinander abgestimmter Vorgehensweisen bei der Eindämmung sowie ein Mangel an lebensnotwendiger Ausstattung und Versorgung.

Die Strategie und die Maßnahmen für die Pandemie-Krisenvorsorge kommen schneller in Gang, während wir aus unseren Erfahrungen lernen, wobei Gruppen wie z. B. Patientenorganisationen sowie Communities im Bereich der Gesundheitsinnovation gemeinsam mit den anderen Interessenvertretern am Tisch sitzen sollten, wenn entsprechende Gespräche stattfinden. Entscheidend ist, dass diese Stimmen gehört werden.

Wir müssen uns auch mit der Tatsache auseinandersetzen, dass unsere Gesundheitssysteme insgesamt nicht nachhaltig sind, ein Problem, das man auf EU- und nationaler Ebene angehen muss. Die COVID-19-Pandemie hat uns gelehrt, dass die Übernahme von Technologien tatsächlich rechtzeitig erfolgen kann, wenn gemeinsame Anstrengungen unternommen werden. Dabei ist entscheidend, dass wir bei der Einführung von Technologien nicht an Schwung verlieren, während wir dem Sturm trotzen, sondern die gewonnenen Erfahrungen berücksichtigen, sowohl die guten wie auch die schlechten. Wir brauchen die besten nutzergesteuerten Hilfsmittel, die uns zur Verfügung stehen, um unsere Gesundheitssysteme, unsere Patienten und unsere Bürger zu schützen. 

Während COVID-19 uns in eine unsichere Zeit geführt hat, müssen wir uns einer Sache bewusst sein: jeder Patient ist wichtig, niemand sollte zurückgelassen werden.


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Dies ist eine Übersetzung eines Artikels von Jan-Philipp Beck, Geschäftsführer von EIT Health, und Marco Greco, Präsident des European Patients Forum (EPF), erschienen auf der englischsprachigen Version von Healthcare IT News.

 

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