„Digital reifere Länder geben am meisten für Technologie aus“

Die neu erschienene, jährliche HIMSS Studie belegt, dass der Schwerpunkt der Entwicklungen im digitalen Gesundheitswesen Europas auf dem Patienten-Empowerment, elektronischen Patientenakten und dem Austausch von Gesundheitsdaten liegt. Ein Interview mit Jörg Studzinski, Direktor für Forschung und Beratung bei HIMSS Analytics.

Bei der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung stehen die europäischen Länder vor immensen Herausforderungen. Während der Mangel an politischer Orientierung eines der Hauptanliegen der E-Health-Stakeholder in Italien ist, kämpfen Großbritannien, Deutschland und die Niederlande darum, die richtigen Spezialisten einzustellen und diese an sich zu binden.

Dies geht aus den Ergebnissen einer von HIMSS veröffentlichten neuen Studie hervor, die Aufschluss über die Prioritäten und Herausforderungen geben soll, mit denen die europäischen Länder konfrontiert sind.

Anfang letzter Woche traf sich Healthcare IT News mit Jörg Studzinski, Direktor für Forschung und Beratung bei HIMSS, um über einige der aufgezeigten Trends zu sprechen und darüber, welche Prioritäten Europa setzen muss, um schneller digitalisieren zu können.

HITN: Warum sind die Niederlande und die nordischen Länder, einschließlich Estland, Ihrer Ansicht nach führend bei der digitalen Gesundheit in der EU?

Studzinski: Wir sehen dieses Muster schon seit vielen Jahren. Unsere Studie bestätigt erneut, dass Länder wie Estland, Dänemark, Schweden oder die Niederlande als führend in der digitalen Gesundheit angesehen werden. Ich glaube, dass viele E-Health-Experten erkannt haben, dass sowohl die Gesundheitsdienstleister als auch die Bürger in diesen Ländern leichteren Zugang zu gesundheitsbezogenen Daten haben. Und dass sie diese Daten sinnvoller nutzen, z.B. indem sie es den Patienten ermöglichen, auf Krankenakten zuzugreifen, Rezepte einfach zu erneuern und Warnmeldungen zu Auffrischimpfungen zu erhalten. Oder für Pflegeorganisationen, die virtuelle Pflegedienste im ländlichen Raum anbieten und in ganzen Gemeinden und Regionen besser zusammenarbeiten.

Diese Länder waren in den letzten Jahren aktiver, als es darum ging, in umfassende elektronische Gesundheitsakten für Ärzte und Patienten, in eine IT-Infrastruktur und digital unterstützte Prozesse zu investieren, die den Austausch von Gesundheitsinformationen unterstützen, einschließlich der Verwendung von weltweit anerkannten Interoperabilitätsstandards. Und jetzt beginnen sie, die Vorzüge dieser transformativen Reise zu ernten.

Als HIMSS haben wir in diesem Jahr unsere jährliche europäische Konferenz in Helsinki, Finnland, abgehalten. Ein entscheidender Grund dafür war genau die starke Leistung der nordischen Länder bei der Einführung und Innovation von E-Health. Die Zusammenkunft von rund 3.000 E-Health-Experten aus ganz Europa zu dieser Veranstaltung dürfte auch dazu beigetragen haben, die Aufmerksamkeit auf die nordischen Länder zu lenken.

HITN: Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Verbesserung des Zugangs von Patienten und Ärzten zu Informationen in vielen der untersuchten Länder eine Priorität zu sein scheint. Haben Sie im vergangenen Jahr in diesen Bereichen Verbesserungen festgestellt?

Studzinski: Ja, es gibt Fortschritte. Aber sie sind schwer zu quantifizieren. Die meisten Länder haben bei der Digitalisierung von Patientenakten Fortschritte erzielt. Dies kann durch die Implementierung neuerer und umfassenderer elektronischer Krankenakten auf individueller Providerebene geschehen, durch eher einfache Prozesse, die auf Scannen beruhen, oder manchmal durch regionale oder nationale Programme, die den elektronischen Austausch von Gesundheitsinformationen fördern. In vielen der Länder, die als digital reifer wahrgenommen werden, wurden diese Fortschritte durch regionale oder nationale Initiativen forciert und ermöglicht.

HITN: In der Tat. Aber die Finanzierung bleibt wie in den Vorjahren die zentrale Aufgabe, obwohl es interessant zu sehen ist, dass der Fachkräftemangel auch heute noch besteht. Sollten sich die europäischen Länder mehr auf die digitale Fortbildung von Gesundheitspersonal konzentrieren?

Studzinski: Ja, das ist absolut richtig. Wie in jeder Branche sollte die Mitarbeiterentwicklung ein Hauptziel jeder Organisation sein. Dies ist im Gesundheitswesen und bei der digitalen Gesundheit nicht anders. Die Verbesserung der Kompetenzen der Mitarbeiter kann zu erheblichen Effizienzsteigerungen, höherer Arbeitszufriedenheit und verbesserter Sicherheit für die Patienten führen. Im Idealfall ist dies eine Kombination aus Änderungen von Prozessen und Mitarbeiterschulungen. Wenn wir den Mitarbeitern im Gesundheitswesen bessere digitale Tools zur Verfügung stellen und wollen, dass sie für ihre Arbeitsleistung Verantwortung übernehmen, müssen wir dafür sorgen, dass sie richtig geschult sind, aber auch, dass diese Tools auf die internen Arbeitsabläufe abgestimmt sind. Ein Mangel an Fachkräften kann auch teilweise durch eine bessere Nutzung der Arbeitskräfte im Gesundheitswesen, vom Pflegepersonal bis hin zu den Pflegeeinrichtungen, verringert werden, z.B. durch die verstärkte Nutzung von virtuellen und telemedizinischen Pflegediensten.

HITN: Wie unterscheiden sich diese Ergebnisse von denen des letzten Jahres?

Studzinski: Nun, unsere Studie zeigt eine Entwicklung der aktuellen Prioritäten und der längerfristigen Trends. Viele der Ergebnisse aus den Vorjahren sind nach wie vor gültig, wie z.B. der Schwerpunkt auf Patientenermächtigung, EMR-Implementierungen oder der Austausch von Gesundheitsinformationen mit externen Anbietern.

Wir sehen auch, dass die Finanzierung und die Interoperabilität nach wie vor kritische Herausforderungen bleiben und uns in den kommenden Jahren wahrscheinlich weiterhin beschäftigen werden. Einige der Elemente, die in diesem Jahr neu oder zumindest viel stärker zum Ausdruck kommen, sind der verstärkte Fokus auf die Telemedizin, aber auch auf bestimmte Aspekte der IT-Sicherheit.

Wir haben auch festgestellt, dass der Austausch von elektronischen Patientenakten über Organisationen hinweg nach Auffassung der E-Health-Experten am häufigsten in Österreich und Italien stattfindet. Und er wird meist zwischen Organisationen des gleichen Pflegetyps eingesetzt, z.B. von Krankenhaus zu Krankenhaus. Wir waren etwas überrascht, dass die nordischen Länder auf eine moderatere Nutzung in diesem Bereich hingewiesen haben, obwohl sie oft über die organisatorischen und technischen Fähigkeiten verfügen, um einen solchen Austausch von Gesundheitsinformationen zu ermöglichen. Das ist etwas, was weitere Untersuchungen erfordert.

In diesem Jahr haben wir eine Frage zu den Ausgaben für digitale Produkte und Dienstleistungen hinzugefügt. Während die gemeldeten Zahlen mit einiger Vorsicht interpretiert werden müssen, da sie auf Schätzungen von Experten beruhen, die nicht immer Einblicke in die genauen Buchhaltungszahlen haben, ist es dennoch interessant zu sehen, dass die Länder, die als digital reifer im Bereich E-Health wahrgenommen werden, auch diejenigen sind, die am meisten für Technologie ausgeben.

Und schließlich haben wir auch einen neuen E-Health-Champion: Das Land, das von den meisten Umfrageteilnehmern als führend bei der Einführung und Innovation von E-Health in Europa angesehen wird, ist jetzt Estland. Dänemark, das letztes Jahr die Nummer eins war, liegt jetzt an zweiter Stelle. Aus Sicht der Gesundheitsbehörden wird es jedoch nach wie vor als Vorbild wahrgenommen.

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Dies ist eine Übersetzung eines Artikels von Leontina Postelnicu, erschienen auf der englischsprachigen Version von Healthcare IT News.

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