DMEA 2019: Digitalisierung als Prozess in kleinen, stetigen Schritten

Die DMEA als Plattform für den Austausch von Lösungen und Anwendungsfällen von gelebter Vernetzung im Gesundheitswesen. Dabei ging es nicht nur um Technologie und Standards, sondern auch, um eine der digitalen Transformation förderliche mentale Haltung.

von
Cornelia
Wels-Maug

Es ist Mitte April, und die erste DMEA hat gerade in Berlin stattgefunden. DMEA steht für "Digital Medical Expertise & Applications" und tritt die Nachfolge der jährlich stattfindenden conhIT an, die im April 2018 zum letzten Mal abgehalten wurde. Die DMEA, so die Veranstalter, adressiert nun eine breiter gefasste Zielgruppe und deckt ein dementsprechend umfangreicheres Themenspektrum ab. Unverändert jedoch geht es im Kern um die digitale Gesundheitsversorgung. Jens Naumann, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Gesundheits-IT (bvitg) e.V., der gemeinsam mit der Messe Berlin GMbH die DMEA veranstaltet, bezeichnete diese als eine „Informations- und Kommunikationsveranstaltung für alle Entscheider, die an der Gestaltung digitaler Prozesse im Gesundheitssystem beteiligt sind.“

Interoperabilität und Standardisierung für ein vernetztes Gesundheitswesen

Damit ein Gesundheitssystem auch wirklich vernetzt arbeiten kann, ist es wichtig, potenzielle Sollbruchstellen im Informationsfluss von vornherein zu vermeiden. Dabei stellt der sichere Austausch von Daten mobiler Endgeräte mit einer elektronischen Patientenakte als auch deren fehlerfreie Weiterverarbeitung eine besondere Herausforderung im Gesundheitswesen dar. Professor Dr Sylvia Thun, Direktorin für eHealth und Interoperabilität, BIH Berlin Institute of Health, Beirat, Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. (GMDS) stellte auf der DMEA klar: „Alles, was nicht interoperabel ist, auch Apps, wird über kurz oder lang verschwinden.“ Und sie forderte: „Wir brauchen die Standards, um die Sicherheit zu gewähren und wir brauchen eindeutige Fachsprachen, die die semantische Interoperabilität zur Verfügung stellen.“

Das Ausmaß, in dem es gelingt, Interoperabilität und Standardisierung weiter zu treiben, wird auch bestimmen, inwiefern das Potenzial der Präzisionsmedizin auch in Deutschland, erschlossen werden kann. Thun mahnte daher an: „Präzisionsmedizin funktioniert nicht ohne Standards und Interoperabilität.“

FIHR als Gamechanger

Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Rolle, die dem internationalen Standard für webbasierte Kommunikation im Gesundheitswesen, Fast Healthcare Interoperability Resources beziehungsweise FIHR zukommt. Er ist relevant für alle Aspekte im Kontext der Mobilität. Simone Heckmann, Leiterin des Technischen Komitees für FHIR, HL7 Deutschland e. V., CTO Gefyra GmbH, unterstrich daher, dass FIHR, das jüngstes Kind der HL7-Produktfamilie, ein „Gamechanger“ sei, weil „die technischen Grundlagen maschinenlesbarer Baupläne zur Erfassung und Validierung von Daten direkt in den FHIR-Bauplan miteingebaut sind.“ Dadurch, dass FIHR hochstrukturierte, validierte und maschinenlesbare Daten liefert, werden die von mobilen Apps generierten Daten aufgewertet und stellen nicht länger eine potenzielle Gefährdung der Patientensicherheit dar. Heckmann wies auch auf den wertvollen Aspekt der Nachvollziehbarkeit hin, „denn in FHIR gibt es eine Ressource, die bestimmte Datensätze verlinkt und aussagt, wer an der Erzeugung der Datensätze beteiligt ist.“

André Sander, Technischer Entwicklungsleiter, ID Information und Dokumentation im Gesundheitswesen GmbH & Co. KGaA, wies auf die zentrale Rolle hin, die FIHR in einem vernetzten Gesundheitswesen einnehmen kann: „FHIR ermöglicht, Daten aus mehreren Systemen homogen und transparent zu integrieren“, sodass innerhalb einer Ressource Daten aus mehreren Subsystemen zusammengefasst werden können.

Digitalisierung als schrittweiser Prozess

Angesichts des schleppenden Fortschritts der Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen wurde während der DMEA immer wieder die Frage gestellt, was es denn bräuchte, damit auch hierzulande die Gesundheitsversorgung mit mehr digitaler Unterstützung vonstattengehen könne. Hierzu gab es eine Bandbreite an Antworten. „Ziel ist es, den fachübergreifenden Austausch zu fördern und somit die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben“, erklärte Naumann. Und Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter der Abteilung "Digitalisierung und Innovation" im Bundesministerium für Gesundheit beteuerte angesichts des großen Nachholbedarfs in Deutschland: „Wir wollen das Gesundheitssystem mittels Digitalisierung ganz konkret für den einzelnen Patienten besser machen, und das in kleinen agilen Schritten." Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der den Fortschritt in der Entwicklung der elektronischen Patientenakte mit dem des Berliner Flughafenbaus verglich, wollte sicherlich ermutigen, als er sagte: „Wir müssen aufholen, was wir seit Jahren versäumt haben. Damit das klappt, müssen wir Lust darauf habe.“ Er verwies auch darauf, dass es sich bei der digitalen Transformation des Gesundheitswesens um einen Prozess handle: „Digitalisierung ist nicht ein großes Gesetz, sondern Bestandteile all dessen, was wir tun.“ In diesem Zusammenhang stellte er auch den neu gegründeten „Heath Innovation Hub“, eine Art Think Tank, der der Bundesregierung mit Ideen zur konkreten Umsetzung der Digitalisierung des Gesundheitswesens beistehen soll und der letzte Woche seine Arbeit aufnahm, vor.

Digitalisierung braucht eine Kultur der Offenheit

In ihrem Impulsvortrag regte Stephanie Kaiser, Founder & Managing Director, Heartbeat Labs GmbH, dazu an, den „Gap zwischen den Möglichkeiten und der Realität“, zu schließen. Sie betonte, dass die Digitalisierung ein iterativer Prozess sei: „Wir versuchen, möglichst kleine Lösungen anzubieten und sie zu testen. In der Digitalisierung werden nicht sofort perfekte Produkte angeboten.“ Kaiser mahnte auch, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck sei, sondern ein Produkt nur dann erfolgreich sein könne, wenn es die Gesundheitsversorgung verbessere. Um dies zu erreichen, legte sie dem Publikum ans Herz: „Mit Optimismus und Mut kommt man weiter – es braucht eine gewisse Brise Liebe für die Zukunft.“ Und Professor Dr Christian Fegeler, Gründer MOLIT Institut gGmbH, schlug in die gleiche Kerbe: „Wir brauchen Mut zum Scheitern und sollten in kleinen Schritten vorgehen.“ Dabei unterstrich er den Nutzen von Agilität.

Sicherlich wurde aus den Beiträgen, die aus verschiedensten Bereichen des Gesundheitswesens herrührten, deutlich, dass dort, wo der Mehrwert der Digitalisierung bei den Anwendern unmittelbar wahrnehmbar ist, sie auch willkommen geheißen wird. Dazu bedarf es auch einer konsequenten Ausrichtung am Patientenwohl, einer Bereitschaft für Änderungen und einer Managementkultur, die Veränderungsprozesse trägt.

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