„Gute Patientenversorgung fängt bei der zeitgemäßen Arbeitsumgebung der Mitarbeiter an“

Nicht nur in Zeiten von COVID-19 sollten wir eine Digitalisierung der Arbeitsumgebungen im Gesundheitswesen vorantreiben, findet Martin Eberhart, General Manager D-A-CH bei Nuance Communications und Mitglied im Führungskomitee der HIMSS D-A-CH Community. Im Interview verrät der Experte für Spracherkennung, welche digitalen Technologien für die klinische Workforce besonders vielversprechend sind.

von
Anna
Engberg

Herr Eberhart, warum gewinnen digitale Werkzeuge für Ärzte, Pflegende und klinische Mitarbeiter zukünftig so stark an Bedeutung?

Eberhart: Krankenhausmitarbeiter verbringen zunehmend viel Arbeitszeit mit Administration, wie z.B. der Erstellung von und Suche nach Patientendaten. Das raubt gerade in der aktuellen Krise wertvolle Zeit. Zudem ist der Informationsaustausch zwischen Gesundheitseinrichtungen oft langsam und analog. Angesichts dieser verlorenen wertvollen Zeit und Daten bieten digitale Lösungen Entlastung und eine qualitative Verbesserung in der Patientenversorgung. Strukturierte Echtzeitdaten gewährleisten beispielsweise, dass dem Behandler alle relevanten Informationen unmittelbar zur Verfügung stehen.

Wie wird Digitalisierung die Arbeitsweisen der Workforce im Gesundheitswesen zukünftig bestimmen?

Eberhart: Heutige Arbeitsweisen müssen sich an die Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Welt anpassen, auch im Gesundheitswesen. Wir nennen das Arbeit 4.0: Die Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort spielt eine wichtige Rolle. Wir sehen großen Bedarf an Mobilität, aber auch Technologien, die im Privaten bereits etabliert sind, im Gesundheitswesen jedoch nur langsam Einzug halten: Umso wichtiger erscheint es, dass Tablets und Smartphones, aber auch digitale Anwendungen wie Videotelefonie oder Spracherkennung jederzeit und überall in gleichbleibender Qualität verfügbar sind, z.B. durch Cloud-Dienste.

Warum ist es aus Ihrer Sicht entscheidend, auf ein positives digitales Erlebnis der Workforce zu setzen?

Eberhart: Weil gute Patientenversorgung, nicht nur in Zeiten von COVID-19, bei einer zeitgemäßen Arbeitsumgebung für die Mitarbeiter anfängt. Bei der Realisierung neuer Projekte, Lösungen und Prozesse ist es wichtig, die Anwender von Anfang an einzubeziehen, mitzunehmen und ihnen kontinuierlich den Mehrwert und die Entlastung durch die IT aufzuzeigen. Nur so können positive Erlebnisse beim Anwender und der erwünschte Gesamteffekt innerhalb der Organisation erreicht werden. Denn Fakt ist: Menschen mögen keine Veränderung und die Digitalisierung von bekannten Prozessen oder die Einführung neuer Tools bedeuten zunächst immer erst einmal Veränderung.

Wie gelingen digitale Maßnahmen mit Blick auf die Mitarbeiter im Gesundheitsbetrieb am besten?

Eberhart: Das lässt sich gut am Fallbeispiel Spracherkennung erklären. Unser Kunde Benjamin Hoch, Facharzt am Universitätsklinikum Mannheim, hat berichtet, dass die Effizienzsteigerung durch die Dragon Medical-Spracherkennungslösung über den Tagesverlauf hinweg viele Minuten generiert. Er sagte: „Jede Minute, die man mehr auf den Patienten eingehen oder seine Fragen beantworten kann, ist Gold wert.“

Aus den positiven Rückmeldungen über Zeitersparnis von begeisterten Anwendern schließen wir, dass die Technologie eben nicht nur den Patienten zugutekommt, sondern auch die Ärzteschaft stark entlastet. Anwender sind umso schneller überzeugt, wenn sie positive Effekte unmittelbar ohne aufwendige Trainings erreichen.

Wie wird künstliche Intelligenz die klinischen Arbeitskräfte von morgen unterstützen?

Eberhart: Maschinelles Lernen und KI sind für das Gesundheitswesen äußerst vielversprechende Technologien. Sie können dazu beitragen, Krankheiten früher zu erkennen, Menschen besser zu versorgen und Gesundheitsausgaben zu senken. Trotz vielfältiger Einsatzbereiche haben sie ein gemeinsames Ziel: klinische Arbeitskräfte zu unterstützen: bei Routinearbeiten, zur Effizienzsteigerung und Verbesserung der Qualität in der Patientenversorgung und Diagnostik.

Ein Erfolgsbeispiel ist die Zusammenarbeit von Nuance und Microsoft in den USA mit Ambient Clinical Intelligence, kurz ACI-Technologie. ACI ermöglicht nahtlose Interaktionen zwischen Medizinern und Patienten und erfasst Arzt-Patient-Gespräche mit Einwilligung der Patienten. Ergänzt mit Kontextinformationen aus der eGA und vom System automatisch in der Krankenakte des Patienten eingefügt, erhalten Patienten so die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Arztes zurück – und dieser hat die Dokumentation erledigt, sobald die Konsultation endet.

Welche Chancen, aber auch Herausforderungen sehen Sie für Ärzte und Pflegekräfte?

Eberhart: Der Fachkräftemangel wird sich künftig weiter verstärken und betrifft sämtliche Arbeitsgruppen im Krankenhaus. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Patienten und die Komplexität ihrer Erkrankungen (Multimorbidität). Anwenderfreundliche und intuitive Lösungen, welche die klinischen Arbeitskräfte unterstützen und von der administrativen Last befreien, sind auf diesem Hintergrund Herausforderung und Chance zugleich.

Für Klinikgeschäftsführer, die Prozesse optimieren, sind sie eine Chance, um den digitalen Reifegrad zu erhöhen und die Arbeitszeitverdichtung zu reduzieren, damit Mitarbeiter wieder mehr Zeit für Patienten haben.

Welche Auswirkungen sehen Sie für IT-Fachkräfte im Gesundheitswesen?

Eberhart: Für IT-Abteilungen ist dies ganz klar eine Chance, ihre Rolle innerhalb der Kliniken neu zu definieren – hin zu Prozessgestaltern, Wegbereitern und Coaches der digitalen Transformation – und eine flächendeckende Digitalisierung voranzutreiben, ausgehend von einzelnen Vorreiter-Kliniken. IT-Fachkräfte dürfen sich fragen: welche Lösungen, die ich heute selbst betreibe, kann ich auch im Auftrag durch Dritte ausführen lassen? Welche IT-Services kann ich für meine Nutzer automatisieren?

Und die Finanzierung der Digitalisierung?

Eberhart: Das ist weiterhin eine große Herausforderung für das deutsche Gesundheitswesen – die Rückstände sind in der Krise schmerzhaft deutlich geworden. Zunehmende Cloud-Lösungen mit Software-as-a-Service (SaaS) Bezahlmodellen bieten hier die Chance, ohne große Erstinvestitionen schnell und nachhaltig auf Lösungen zuzugreifen ohne IT-Ressourcen zu belasten.

Hier ist die Politik auf Bundes- und Landesebene mit dualer Finanzierung gefordert. Es gilt Kliniken nicht mehr zu benachteiligen, wenn sie entscheiden, dass ein laufendes Software-Abonnement besser ist, als ein Kauf mit hoher Vorweginvestition und laufenden Kosten der Softwarepflege.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Eberhart!


Martin Eberhart ist General Manager Healthcare von Nuance für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Er bringt mehr als fünfzehn Jahre Management-, Vertriebs- und Marketingerfahrung in einem internationalen Umfeld mit, unter anderem mit dem Technologieführer Philips und dem weltweit größten Gesundheits-IT-Verband HIMSS. In seinen bisherigen Positionen begleitete er aktiv Digitalisierungsprozesse im Gesundheitswesen in der USA und verschiedenen EU-Ländern.

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