eMedikation: "Die Akzeptanz der Anwender ist das Wichtigste"

Medikationssicherheit ist an der Hirslanden Klinik Linde im Kanton Bern (Schweiz) seit längerem ein wichtiges Thema. Seit wenigen Monaten ist die dortige IT mit eMedikation und klinischer Entscheidungsunterstützung von HCI Solutions im aktiven Live-Betrieb. Im Interview mit Healthcare IT News berichtet Direktor Dr. Serge Reichlin über die Vorgehensweise bei der Prozessumstellung im Spital.

von
Anna
Engberg

Herr Reichlin, wann und warum haben Sie beschlossen Ihre Spital-IT in puncto eMedikation umzubauen?

Reichlin: Wir beschäftigen uns seit langem mit Medikationssicherheit. Seit 2016 gab es dazu Vorprojekte. Nach dem Besitzerwechsel der Klinik Linde, die nun Teil der Hirslanden-Gruppe ist, und der damit verbundenen Integration und Übernahmewelle sind wir ab Mitte 2018 mit Hochdruck erneut in das Thema gestartet und seit Juni 2019 mit der modularen Lösung „Documedis“ von HCI Solutions im Live-Betrieb. Die doppelte Zielsetzung für uns dabei war: wie kann ich die Patientensicherheit erhöhen und gleichzeitig den Verordnungsprozess für die Ärzte vereinfachen?

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Wie ist dies aus Ihrer Sicht bisher gelungen?

Die Erfahrung im Live-Betrieb und die tiefe Integration in unserem KIS-System zeigt: der Nutzen ist bei den Anwendern angekommen. Gerade bei den medizinisch tätigen Ärzten haben wir positive Reaktionen bekommen – sie konnten sehr schnell mit der Software umgehen. Die digitale Kontrolle von Themen wie Allergien oder Interaktionsprüfungen von Medikamenten funktioniert sehr gut, da die Tools als einfache Symbole innerhalb unserer KIS-Lösung integriert sind. So wird schnell ersichtlich, was konkret verordnet wurde.

Tiefe Prozessintegration und Nutzen für die Anwender standen für Sie im Fokus. Welche Module haben Sie dafür ausgewählt?

Wir haben Documedis als eine der ersten Kliniken eingeführt und uns zum Start für vier der insgesamt mehr als zehn Checks entschieden: CDS-Check, CDS-Report, CDS-Daten und eMediplan. Diese lassen sich später jederzeit erweitern. Das Modul eMediplan erlaubt uns beispielsweise, den Patienten Unterlagen mitzugeben, die ergänzend zum Rezept aufzeigen, welche Medikamente wie eingenommen werden müssen. Wir konnten somit das Entlassmanagement verbessern und haben jetzt eine gute Übersicht darüber, mit welchen Medikamenten ein Patient ins Spital kommt, ob und wie er während des Aufenthalts auf andere Medikamente umgestellt wird und wie er das Spital wieder verlässt. Das ist für uns umso wichtiger, als wir ein breites Spektrum im Leistungsportfolio haben – von Chirurgie über die Orthopädie bis zur Onkologie – und häufig viele Medikamente und komplexe Behandlungsprozesse zugleich überwachen.

Findet die eMedikation auch schon als externer Datenaustausch statt?

Das ist ein Projekt für die Zukunft. In diesem Punkt ist die Schweiz mit dem elektronischen Patientendossier (ePD) noch nicht so weit. Über die strukturierten Daten im eMediplan hinaus sind wir mit der HCI Lösung jetzt aber mit einem QR-Code ausgerüstet, der die Medikationsdaten enthält. Diesen könnte man bei Apotheken prinzipiell einlesen. Wir haben also die Voraussetzungen für den externen Datenaustausch bereits geschaffen. Jetzt warten wir noch auf die nationale Umsetzung – übrigens auch einer unserer Gründe für die Einführung der eMedikation, zusammen mit dem Wunsch, die Qualität im Behandlungsprozess zu verbessern.

Wie sind Sie bei der Umstellung der Prozesse im Spital vorgegangen?

Für uns war klassische Projektarbeit wichtig – nicht zuletzt, da eMedikation noch nicht so häufig im Einsatz ist. Dafür haben wir Wert auf eine transparente, gute Zusammenarbeit zwischen IT- und Fachexperten, Ärzten und Pflegenden gelegt, Schwierigkeiten frühzeitig identifiziert, um dann nach einer Testphase Veränderungen durchzuführen. Wir mussten beispielsweise das Allergie-Panel anpassen, um Allergien strukturiert erfassen und für einen Check zur Verfügung stellen zu können. Das führte zu Veränderungen im Verordnungskonzept. Seit Juni bieten wir Hilfsmittelschulungen an.

Mit CDS-Check haben Sie außerdem klinische Entscheidungsunterstützung eingebunden. Was ermöglicht diese?

Der „Decision Support“ zeigt auf, wo Medikation interagiert, überdosiert oder nicht allergiegerecht ist. Dies führt IT-seitig automatisch zu Vorschlägen - am Schluss ist es jedoch immer der Arzt, der die Entscheidung fällt. Wie sich durch das Tool der Verordnungsprozess verändert hat, kann ich abschließend noch nicht beurteilen. Dafür sind die Erfahrungswerte zu kurz.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit mit HCI Solutions rückblickend beschreiben?

Sie ist sehr reibungslos verlaufen. Wichtig war uns, dass der Systemanbieter HCI und unser KIS-Anbieter, ines GmbH, gut zusammengearbeitet haben. Beide waren für eine schnelle, gute Kommunikation offen. So ist es uns mit überschaubarem Aufwand und Zeit gelungen, einen Beitrag zur Medikationssicherheit zu leisten. Das Wichtigste aus meiner Sicht ist die Akzeptanz der Anwender. Was will man mehr?

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Reichlin.

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Die Klinik Linde ist ein Grundversorger im Kanton Bern und Teil der Hirslanden-Gruppe. Aktuell versorgt das Spital jedes Jahr fast 11.000 Notfälle sowie 6.000 stationäre und 40.000 ambulante Fälle, darüber hinaus betreut das Klinikum rund 750 Geburten und 7.000 Operationen pro Jahr.

HCI Solutions ist ein Anbieter für Datenbanken und Managementlösungen, die speziell auf die Bedürfnisse eines vernetzten Gesundheitsmarkts ausgerichtet sind. Mit dem Medizinprodukt Documedis CDS.CE (Clinical Decision Support) bietet HCI Solutions prozessintegrierte Entscheidungsunterstützung in der Arzneimitteltherapie für mehr Patientensicherheit. HCI Solutions AG ist Presenting Partner am Swiss eHealth Summit 2019.

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