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Entschuldigung, kennen wir uns?

Finden Sie es problematisch, wenn eine Witwe in Ihrer Nachbarschaft zwei- oder dreimal pro Woche Fisch isst? Ich vermute, dass Ihnen diese Frage ebenso absurd erscheint wie mir – bis vor zwei Wochen zumindest.

von
Felix
Cornelius

Da habe ich gelernt, dass die Kultur der Hindus das ganz anders bewertet. Im Rahmen einer Studie des Anthropologen Richard Shweder (1987) wurde je 180 Kindern und Erwachsenen im indischen Bundesstaat Odisha unter anderem diese Frage gestellt. Die überwältigende Mehrheit fand das Verhalten der Witwe nicht nur falsch, sondern in jedem Kontext, an jedem Ort und in jeder Kultur falsch – so falsch, dass keine Veränderung dieser Haltung vorstellbar war. (Zitiert in Jonathan Haidt, „The Righteous Mind“.)

Man muss nicht an die indische Ostküste reisen, um Kulturunterschiede zu entdecken, die sich massiv auf die Güte des gegenseitigen Verständnisses auswirken. Aber wir sollten uns ab und zu in Erinnerung rufen, dass Situationen von Miss- oder Unverständnis manchmal quasi kulturelle Ursachen haben und deshalb nicht mit ein paar einfachen Argumenten aus der Welt geschafft werden können. Gelegentlich zu beobachtende Kommunikationsprobleme zwischen dem „deutschen Gesundheitswesen“ und der IT Branche haben ihre Ursache in derartigen kulturellen Unterschieden.

Ich habe vor einer Weile eine Reihe von Ärzten gefragt, ob sie sich meine Ideen zur Einführung einer originellen IT-Lösung zur Verbesserung ärztlicher Online-Fortbildungen anhören möchten. Einige Ärzte haben das mit der Begründung abgelehnt, dass sie gern zu Präsenzfortbildungen gingen. Mich hat das zunächst irritiert, denn im Durchschnitt müssen Ärzte sich jede Woche eine (Schul-)Stunde lang fortbilden. Ich dachte, dass eine gute Online-Lösung den Ärzten in vielleicht 20% der Fälle attraktiver erscheinen könnte als die Option, zu einer Präsenzfortbildung zu gehen. Viele haben jedoch implizit befürchtet, dass das bislang vorherrschende Format bei Einführung der neuen IT-Lösung abgeschafft würde. Davon hatte ich nichts gesagt und das war natürlich auch nicht meine Absicht. Die Antwort ist durch einen Aspekt der Kultur des Gesundheitswesens zu erklären, in der es für jedes strukturelle Problem in der Regel genau eine Lösung gibt, dass diese Lösung von den höchsten Repräsentanten auf Kassen- und Ärzteseite beschlossen wird und von da an einheitlich für alle gilt. In der Szene heißt dieses Prinzip „einheitlich und gemeinsam“.

Die kulturellen Unterschiede zwischen IT- und Gesundheitswelt sind subtil, aber sie erklären gut, warum viele Arztpraxen bis heute keinen Anschluss ans Internet haben und das Faxgerät nach wie vor der Goldstandard für eine sichere Kommunikation unter Ärzten ist. Sie erklären aber auch, warum Ärzte bei ihrer IT-Lösung 5 Prozent der Funktionalität bei 99 Prozent Stabilität besser finden, als ein umgekehrtes Verhältnis. Zur Kultur der IT gehört, dass ein Fehler nicht wirklich schlimm ist (ein ‚Bug‘ halt), sondern lediglich Anlass für den nächsten „Patch“ (eigentlich ein Wort für „Pflaster“). Man stelle sich vor, was die Übernahme der Bugfix-Kultur in der Medizin bedeuten würde (und welche Auswirkungen sie auf die Prämien der Haftpflichtversicherungen hätte).

Wenn wir von einer stärkeren, positiven Beeinflussung unseres Gesundheitssystems durch moderne IT profitieren wollen – ein diesem Zweck verpflichtetes E-Health-Gesetz ist ja noch für dieses Jahr angekündigt – dann hilft es nicht, die vorhandenen Unterschiede zu beklagen. Wir brauchen vielmehr interkulturelle Kompetenz, Vermittler und Brückenbauer, Menschen, die in beiden Welten zu Hause sind und beide Sprachen sprechen, wir brauchen die Möglichkeit, zu experimentieren und zu verändern – um schließlich mit positiven Beispielen und Erfolgen zu motivieren.

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