Nathalie Bloch vom Sheba Medical Center in Israel am Swiss eHealth Summit in Bern (Foto: Netzmedien)

EPD: Es droht der PDF-Friedhof

Wie steht es um das elektronische Patientendossier? Wie schwierig ist der Austausch von Daten im Gesundheitswesen? Und warum kommt die Digitalisierung in der Branche nicht richtig voran? Der Swiss eHealth Summit im Kursaal Bern hat Antworten auf diese Fragen geliefert.

von
Marcel
Urech, Netzwoche

Ab April 2020 müssen Spitäler, Rehakliniken und Psychiatrien ihren Kunden ein elektronisches Patientendossier (EPD) anbieten. Zwei Jahre später gilt das Obligatorium auch für Pflegeheime und Geburtshäuser. Der Swiss eHealth Summit hat nun einen Blick auf die Zeit nach der initialen Phase der EPD-Einführung geworfen. Die Veranstaltung im Kursaal Bern, die am 12. September über die Bühne ging, zeigte auf, dass das EPD noch einen langen Weg vor sich hat.

Eine hochkarätig besetzte Expertenrunde thematisierte die Vernetzung der Leistungserbringer in der Schweiz - von der Spitex bis zum Apothekerverband. Die Gesprächsteilnehmer erkannten zwar alle die Chancen der Digitalisierung, sie waren aber auch der Meinung, dass diese in der Praxis noch wenig spürbar seien. Trotzdem sind neue Technologien wie E-Medikation und digitale Assistenzsysteme vielversprechend. Die Digitalisierung hat zudem das Potenzial, die Kontinuität in der Versorgung der Patienten zu steigern. Des Weiteren wandelt sie die Berufsgruppen im Gesundheitswesen und stärkt den Einbezug der Patienten in die Gesundheitsfürsorge.

Laut Cornelis Kooijman, Stv. Geschäftsführer von Spitex Schweiz, ist der nationale Dachverband der Schweizer Nonprofit-Spitex bereits sehr digital unterwegs. Unter anderem auch darum, weil die Spitex jederzeit Zugriff auf wichtige Informationen brauche, etwa auf Berichte von Spitälern und Hausärzten. "Wir sind nicht im Silo, wir arbeiten eng mit allen zusammen", sagte Kooijman. Der Austausch unter den Gesundheitsfachpersonen gestalte sich trotzdem schwierig, so Kooijman.

Kommunizieren per Fax

"Bei uns haben erst seit drei Jahren alle Mitglieder eine E-Mail-Adresse", sagte Gabi Fontana, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Verbands der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen (SVBG). "Vieles läuft noch schriftlich oder per Fax". Der SVBG ist der grösste schweizerische Dachverband von Berufsorganisationen im nichtärztlichen Gesundheitswesen. Er vertritt rund 52'000 Gesundheitsfachpersonen. Es sei nicht einfach, alle diese Mitglieder für die Vorteile und die Chancen der Digitalisierung zu sensibilisieren, sagte Fontana in Kursaal. "Wir müssen mit den Patienten arbeiten und sollten nicht zu viel Zeit vor dem PC verbringen."
Der Verband nehme aber seine Verantwortung wahr und organisiere auch Veranstaltungen zu den Themen Digitalisierung und Ethik. Trotzdem dürfe man nicht vergessen, dass es für eine stärkere Digitalisierung des Gesundheitswesens auch einen kulturellen Wandel brauche. "Viele Gesundheitsfachpersonen wollen diesen gar nicht", sagte Fontana. "Sie arbeiten lieber mit den Patienten und bevorzugen den persönlichen Kontakt." Es fehle zudem an Lösungen, die eine gute Kompatibilität bieten und nicht alle 3 bis 4 Monate wieder überarbeitet werden müssten.

Persönliche Gespräche statt E-Mails

"Ich führe in Pfeffingen mit drei anderen Ärzten eine volldigitalisierte Gemeinschaftspraxis", sagte Carlos Quinto, Mitglied des Zentralvorstands der Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH) und Departementsverantwortlicher Public Health und Gesundheitsberufe. Die Standardisierung der Primärsysteme sei dabei das Hauptproblem. Unterschiedliche Formate behinderten den Austausch von Dateien und die IT koste rund 42'000 Franken pro Jahr. Das Preis-Leistungsverhältnis sei nicht gut, eine einzelne Schnittstelle schlage mit bis zu 5000 Franken zu Buche. Es sei darum schwierig, alle relevanten Akteure und auch die Patienten richtig einzubinden. Trotzdem biete die Digitalisierung viele Vorteile. Sie erhöhe zum Beispiel die Leserlichkeit und die Auffindbarkeit von Daten und beschleunige in vielen Bereichen schon jetzt den Austausch.

"Der kulturelle Wandel ist aus Sicht der Hausarztpraxis nicht so ein Problem", sagte Quinto. Der Austausch mit den Apotheken laufe bereits vollelektronisch. Es sei wichtig, dass sich die Digitalisierung in der Branche "bottom up" entfalte und nicht "top down" diktiert werde. Auch Quinto betonte, dass er und seien Kollegen nicht in Silos arbeiteten. "Die Patienten melden sich bei mir oft per E-Mail", sagte Quinto. "Aber komplizierte Spitalberichte kann man so nicht besprechen." Das persönliche Gespräch sei immer noch die beste Methode, um die Patienten über ihren Gesundheitszustand aufzuklären und ihnen mögliche Ängste zu nehmen, sagte Quinto.

Die Freiwilligkeit bremst

"Die Pharmazie ist vertraut mit digitalen Daten", sagte Marcel Mesnil vom Schweizerischen Apothekerverband Pharmasuisse. Der Hauptgrund, wieso das elektronische Patientendossier (EPD) nicht vom Fleck komme, sei die Freiwilligkeit. "Wir sollten darum mit den Akteuren anfangen, die das EPD eine gute Sache finden", sagte Mesnil.

Heute sei die Situation unbefriedigend. Der Patient müsse zuerst mal erfahren, dass es überhaupt ein EPD gebe und sich dann entscheiden, eines zu eröffnen. Das reiche aber noch nicht. Die Akteure im Gesundheitswesen müssten auch bereit sein, in das EPD zu investieren. "Das EPD braucht Zeit, Kompromisse und viele Diskussionen", sagte Mesnil. Zum Teil stehe auch der Datenschutz im Weg, und die fehlenden Schnittstellen seien ein grosses Ärgernis. "Alle Top-down-Versuche sind aber bis jetzt gescheitert. Wir müssen darum unbedingt Silos abbauen."

Die Interprofessionelle Arbeitsgruppe Elektronisches Patientendossier habe sich gefragt, welche Daten es für eine Zusammenarbeit überhaupt brauche. Das habe zwar viel gebracht, aber der Prozess sei langwierig und aufwändig. "Es geschieht nicht an einem Tag", sagte Mesnil. Böse Zungen würden das EPD schon jetzt als PDF-Friedhof bezeichnen. Nun gelte es, das Patientendossier so anzupassen, dass es sich reibungslos in die Prozesse im Arbeitsalltag integriere.

Allergie-Check und Alarm-Ermüdung

Der eHealth Summit bot ausser der Podiumsdiskussion weitere spannende Vorträge. Zum Beispiel von Nathalie Bloch, Head of ARC Digital-Innovation Center im Sheba Medical Center in Israel. Sie referierte auf Englisch und zeigte auf, wie das grösste Spital in Israel mit über 1900 Betten die Digitalisierung anpackt. Es arbeitet dafür unter anderem mit Merck, Roche, Microsoft und Boston Scientific zusammen.

In einer weiteren Expertenrunde kamen zudem erstmals in der Geschichte des eHealth Summits klinische Anwender, Systemhersteller und Stammdaten-Anbieter zusammen. Sie diskutierten über die klinische Entscheidungsunterstützung mit Systemen wie dem Allergie-Check in der Medikationsverordnung und der Alarm-Ermüdung ("Alert fatigue") in der Pflege. Die Primärsystem-Hersteller gaben zudem einen Einblick in den Status Quo und zukünftige Entwicklungen.

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