Million European Genome Alliance – die Genmedizin hält Einzug ins europäische Gesundheitswesen

Die Sequenzierung der DNA ist ein heiß diskutiertes Thema in ganz Europa. Die DACH Länder können schon jetzt von den Erfolgen und Herausforderungen der Nachbarn lernen. Hier schreibt Dr. Layla McCay, Direktorin für internationale Beziehungen der britischen NHS Confederation, über eine neue Initiative, durch die bis 2022 eine Million Genome in Europa sequenziert werden sollen.

Im Jahr 2018 schlossen sich mehrere EU-Mitgliedsstaaten, darunter Großbritannien, zur Million European Genome Alliance zusammen, deren Ziel es ist, gemeinsam bis 2022 eine Million Genome zu sequenzieren.

Die beteiligten EU-Länder einigten sich auf eine Zusammenarbeit, durch die sicherer und autorisierter Zugang zu nationalen und regionalen Datenbanken für Gendaten sowie für andere gesundheitsrelevante Daten ermöglicht werden soll, um so die gemeinsamen Ziele in der Genommedizin schneller und effizienter zu erreichen. Die Europäische Kommission unterstütze im April 2018 diese Initiative in ihrer Mitteilung zur digitalen Transformation von Gesundheit und Pflege.

Warum dieser gemeinsame Fokus auf die Genommedizin? Welche Vorteile ergeben sich daraus für EU-Bürger und deren Gesundheitssysteme?

Großbritannien plant, bis 2023-24 fünf Millionen Genome zu sequenzieren

Die Sequenzierung menschlicher Genome wird die Zukunft des Gesundheitswesens, wie wir es kennen, entscheidend prägen.

Dahinter steht die Idee, dass Gesundheitssysteme ihren Bürgern eine bessere, präventive, vorraussagende und personalisierte Gesundheitsfürsorge und Pflege bieten können. Im Fokus stehen zunächst bestimmte Krebsarten und seltene genetische Erkrankungen, deren Diagnose schwierig sein kann und bei denen die Reaktion auf eine „durchschnittliche” Behandlung von Person zu Person sehr unterschiedlich sein kann.

Um diese Herausforderung in Großbritannien umzusetzen, wurde seitens der Regierung Ende Februar 2019 die nationale Genomstrategie (National Genomic Strategy) veröffentlicht, durch die Personen mit seltenen Krebserkrankungen und Kindern mit seltenen genetischen Erkrankungen routinemäßigere Genomsequenzierungen ermöglicht werden sollen.

Der britische Sekretär für Gesundheit und Soziales, Matt Hancock, hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2023-24 fünf Millionen Genome in Großbritannien zu sequenzieren. Dies geht weit über das europäische Gemeinschaftsziel hinaus und macht Großbritannien zu einem wichtigen Partner in diesem kollektiven Unterfangen.

Die neue national Genomstrategie basiert auf dem von Genomics England umgesetzten Projekt „100,000 Genome Project”, durch das Großbritannien internationale Anerkennung im Bereich der Genomsequenzierung erhielt. Während die erste vollständige Genomsequenzierung noch 13 Jahre dauerte und knapp 1 Milliarde britische Pfund kostete, kann eine solche Sequenzierung heute vom National Health Service (NHS) in zwei Tagen und für weniger als 1.000 britische Pfund durchgeführt werden.

Bei der europäischen Konferenz „My Genome: Our Future”, die vor kurzem in Brüssel stattfand, waren als Redner zahlreiche führende britische Genetiker des NHS sowie führende Forscher und auch Genomics England vertreten.

Der Erfolg des Programms wird durch die Tatsache untermauert, dass das Projekt „100,000 Genomes Project” nicht nur mit Forschungseinrichtungen, sondern auch mit dem NHS und NHS-Patienten zusammenarbeitet.

Dreizehn Genmedizin-Zentren (Genomic Medicine Centres, GMCs) wurden von NHS England in NHS-Stiftungen in ganz Großbritannien ins Leben gerufen, die nachweislich hervorragende Leistungen im Bereich der Genetik erbringen.

Diese Genmedizin-Zentrum waren dafür verantwortlich, NHS-Patienten für die Teilnahme am Projekt zu gewinnen. Die Patientenaussagen auf der Website von Genomics England sprechen für sich – durch die Sequenzierung erhielten zahlreiche NHS-Patienten, darunter zum Großteil Kinder, eine Diagnose, die zuvor nicht möglich war.

Zweijährige Förderung für Genomic Medicine Sweden und Fortschritte in Estland

Auch andere Länder sind daran interessiert, aus den Erfolgen und Herausforderungen von Genomics England zu lernen und mit ihren Gesundheitssystemen Teil des Projekts zu werden. Im Jahr 2018 erhielt zum Beispiel die schwedische Organisation Genomic Medicine Sweden eine zweijährige Förderung, um die Präzisionsmedizin in ganz Schweden voranzutreiben und die Genomik im Gesundheitswesen zu verankern. So sollen den Patienten neue Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten geboten werden.

Das kleine Estland betreibt seit 17 Jahren ein langfristiges Genom-Sequenzierungsprogramm. Nun wurde angekündigt, dass in den nächsten vier Jahren etwa 430.000 Menschen – das ist ein Drittel der rund 1,3 Millionen Einwohner – gebeten werden, mit ihrer DNA zum Projekt beizutragen.

Die Proben werden in einem Depot, dem Estonian Genome Centre der Universität Tartu, aufbewahrt. Diese Sammlung genetischer Daten basiert auf genetischen Aufzeichnungen von über 52.000 Esten, die seit der Eröffnung des Zentrums im Jahr 2001 gesammelt wurden und ist das Herzstück eines Plans, durch den das Gesundheitssystem des kleinen Landes komplett umgestaltet werden soll.

Viele Herausforderungen rund um die Genommedizin sind gemeinsame Herausforderungen. Daher haben sich Regierungen in ganz Europa mit Unterstützung der Europäischen Kommission zur Million European Genomes Alliance zusammengeschlossen, um diese sensiblen Daten sicher gemeinsam nutzen zu können.

Je besser man das menschliche Genom versteht, desto effektiver können Krankheiten diagnostiziert, behandelt und vermieden werden. Durch die internationale Zusammenarbeit soll dieser Prozess beschleunigt werden und eine Technologie in Großbritannien und ganz Europa zur Normalität werden, die vor nicht allzu langer Zeit noch als Science Fiction galt, um den Patienten so eine personalisierte und immer effizientere Versorgung bereitzustellen.


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Dies ist eine Übersetzung eines Artikels von Dr. Layla McCay, erschienen bei Healthcare IT News.

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