Hospital Tour Thun: „Integrative Lösungen stehen im Vordergrund“

Mit einer Hospital Tour am Community Day des Swiss eHealth Summit wird Dr. Marc Oertle, Leitender Arzt für Medizin und Medizininformatik am Spital Thun (Schweiz) am 11. September 2019 CIOs, CEOs und Ärzten Einblicke in digitalisierte klinische Arbeitswelten am Spital Thun geben. Im Interview mit Healthcare IT News erzählt er vorab, welche Digitalisierungsstrategie das Spital Thun verfolgt – und welche Vorteile er darin sieht.

von
Anna
Engberg

Welche Digitalisierungsstrategie verfolgen Sie am Spital Thun?

Oertle: Eine undogmatische, prozessorientierte und pragmatische. Wir wollten digitale Neuerungen nutzen, um Effizienz, Sicherheit und Qualität zu gewinnen, gleichzeitig klinische und administrative Prozesse rationalisieren. Digitalisierung um ihrer selbst willen oder eine imperative Einführung kamen für uns nie in Frage. So haben wir, nicht zuletzt auf Drängen der IT, nachhaltige und unterhaltsarme Lösungen geschmiedet und stufenweise digitalisiert. Dies begann 2002 mit dem Umbau von Kernbereichen. Meilensteine zu Beginn waren für uns die Umstellungen der Medikations- und Pflegeprozesse, ab 2008 kamen schrittweise paramedizinische Disziplinen wie Physiotherapie, Sprechstunden-Planung und OP-Saal-Koordination hinzu.

Welchen Vorteil sehen Sie in dieser stufenweisen Umsetzung?

Oertle: Die Vorgehensweise richtete sich primär nach dem grösstmöglichen Nutzen für die klinisch Tätigen sowie nach Multieffizienz und Sicherheit. Dort, wo die Nutzer profitieren, haben wir die Digitalisierung rasch und gezielt vorangetrieben – teilweise war diese Strategie natürlich auch getrieben durch die frühen Digitalisierungsschritte ab 2002. Für uns war es eine Güterabwägung mit den jeweiligen Teams. Hierdurch produzieren wir weder am Puls der Zeit noch an den Bedürfnissen der Front vorbei. Grundsätzlich ist die Vorgehensweise bei der Digitalisierung ja von Spital zu Spital verschieden und sehr individuell. Es gibt nicht das eine richtige Konzept. Unter dem Strich finde ich aber die stufenweise Umsetzung in unserem Umfeld sehr sinnvoll.

Dr. Marc Oertle, Leitender Arzt für Medizin und Medizininformatik am Spital Thun (Schweiz)

Welche digitalen Massnahmen nützen dem klinischen Personal aus Ihrer Sicht am meisten?

Oertle: Die Orientierung an den Prozessen und die massgeschneiderte Abbildung im KIS, würde ich sagen. Erst wenn die Kliniker – um die es uns primär geht – ein System sicher, rasch und intuitiv bedienen können, die benötigte Information im Zugriff ist, einfache Abläufe definiert sind und ein hoher Wiederverwertungsgrad einmal eingegebener Daten besteht, gewinnen alle beteiligten Personen: vom Patienten über die Kliniker bis zur Abrechnung.

Ein gutes Beispiel dafür sind Diagnoselisten, die man nutzt, um Anmeldungen elektronisch auszufüllen, Arztbriefe zu generieren oder DRG-Codierungen zu ermöglichen. Auch lässt sich etwa bei der Führung der Fieberkurve oder stationären Leistungen im Hintergrund schon eine gewisse Leistungserfassung für die Pflege und eine automatisierte Abrechnung vornehmen. Das System weiß sofort, welche Tätigkeit ausgeführt wurde und welche Leistung abgerechnet werden soll. So wird auch direkt erkennbar, wenn ein Patient nicht mehr kostendeckend ist. Das Spital ist dann in der Lage auf die Daten zu reagieren, ohne dass jemand noch gezielt händisch auswerten muss und vor allem: bevor der Patient austritt.

Worauf dürfen sich die Teilnehmer bei Ihrer Hospital Tour einstellen?

Oertle: Wir werden unterschiedliche Abteilungen am Spital Thun besuchen. Neben einer kurzen Einführung über ausgewählte Umsetzungsvarianten geht es in die Notfallstation, kürzlich renovierte Stationen und auch die zentrale Apotheke mit dem robotergestützten Medikationslager. Das KIS als zentrale Drehscheibe mit Anbindung an zahlreiche Umsysteme, wie Patienten-ID-Systeme, Wunddokumentation, die digitale Medikamentenausgabe oder die Dokumentenablage im Universalarchiv, steht dabei im Zentrum. Das Hauptinteresse der Tour wird auf den integrativen Lösungen liegen – so bilden wir in Thun als erstem Spital der Schweiz beispielsweise den gesamten Medikationsprozess elektronisch ab von der Bestückung durch die Zentralapotheken bis zur Abgabe beim Patienten mit Barcode-Prüfung. Die Teilnehmer erfahren mehr über die Vor- und Nachteile.

Wie ist Ihr Stand der Dinge bei der Einbindung des EPD?

Oertle: Auch hier steht für uns die Einbindung in den Prozess und die Wiederverwendbarkeit der Daten im Vordergrund. Wir streben deshalb vom ersten Tag der Nutzung eine tiefe Integration des EPD ins KIS an. Es soll weitestgehend automatisiert sichergestellt sein, dass relevante Berichte aus dem eigenen Haus zum richtigen Zeitpunkt im EPD ohne Zusatzaufwände bereitstehen. Diese Automatisierung gestaltet sich bei externen EPD-Dokumenten schwieriger. Ich vermute, dass viele Spitäler ab 2020 EPD-Dokumente zunächst gezielt auf die Plattform hochladen. Oder sie nutzen – und diesen Weg verfolgen wir in Thun und sind mit unserer Testumgebung beinahe produktionsreif – ein System, welches behandlungsrelevante Dokumente über korrekte Verschlagwortung und Meta-Daten vollautomatisch erkennt und ins EPD dupliziert.

Bitte geben Sie einen kurzen Ausblick auf Ihren zweiten Programmpunkt am Summit, Dr. Oertle.

Oertle: Am eigentlichen Konferenztag stelle ich in der Session „Clinical Decision Support & Medikation“ u.a. die Erfahrungen aus Thun und ausserdem die Resultate einer Umfrage aus mehreren Schweizer Spitälern vor. Es geht um den aktuellen und zukünftigen Entwicklungsstand bei der Allergieerfassung in Primärsystemen vor dem Hintergrund von EPD, EU-Standardisierungen und der neuen Lösung von HCI Solutions, welche seit einiger Zeit die ersten wirklich umfassenden und elektronisch gut abrufbaren Entscheidungsunterstützungs-Stammdaten vermarkten. Zusammen wollen wir im Rahmen dieser Power-Session versuchen, die nach wie vor grosse Lücke zwischen theoretisch möglichen und praktisch umgesetzten Lösungen im Bereich der Allergieerfassung und -warnung und zur Reduktion der Alert fatigue aufzuzeigen und einen Konsens entwickeln, mit welcher Stossrichtung wir in der Schweiz weiterarbeiten sollten.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Oertle.

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