Innovationen haben es schwer

Rolf Porsche, Arzt und Betriebswirt, arbeitet mit Unternehmen zusammen, die die Datenströme des Gesundheitswesens zähmen und nutzbar machen können.

von
Claudia
Dirks

Interview mit dem Arzt und Gesundheitsexperten darüber, wieso sich ausgerechnet eine Branche mit Innovationen schwer tut, die nahezu beispiellos von ihnen profitieren könnte.

Mit den Schlagwörtern „Gesundheitswesen“, „unstrukturierte Daten“, „Innovationen“ schaffen Sie es sicherlich in einigen Gesprächsrunden, blankes Entsetzen und Angstschweiß hervorzurufen – was machen diese Themen mit Ihnen?

Sie stimmen mich vage optimistisch. Ich bin Mediziner tief im Herzen. Was mich antreibt, sind Innovationen, die das Gesundheitswesen tatsächlich verändern, insbesondere an der Schnittstelle Medizin/Informationstechnologie. Es gibt wenige Bereiche, wo Innovationen so bedeutsam sind, wo aber gleichwohl ihre Einführung so schwierig ist. Obwohl wir das im klassischen Leben gut kennen: Jemand bringt ein besseres Handy heraus, der Markt entscheidet über Erfolg und Misserfolg. Im Gesundheitswesen gehen durch dessen Heterogenität leider viele gute Ideen einfach verloren.

Und das, obwohl das Gesundheitswesen der größte deutsche Arbeitgeber ist – da sollte es doch jemanden mit einem richtigen Riecher für Innovationen geben?

Innovationen gibt es reichlich, aber zu viele werden nicht erfolgreich umgesetzt. Es liegt an der Komplexität des Systems. Es gibt nicht einen, sondern viele Entscheider. Es gibt Krankenkassen, die das Geld haben. Es gibt aber auch Entscheider, häufig Krankenhäuser, Mediziner, die über A-, B- und C-Varianten entscheiden. Es gibt den Patienten, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, der früher nur Betroffener, heute aber Beteiligter ist. Es gibt ein relativ komplexes Regularienwerk und Investitionshindernisse. Und es gibt natürlich auch Hemmnisse, einfach überhaupt etwas ändern zu wollen. Und das macht das Leben durchaus ein bisschen schwierig.

Rolf Porsche hält viel von der hiesigen Start-up-Szene und wenig von den Hemmnissen durch das deutsche Gesundheitswesen.

Der letzte Punkt ist wahrscheinlich der entscheidende Faktor?

Natürlich ist es letztendlich immer der Mensch, der entscheidet, sich oder die Umstände ändern zu wollen – oder eben nicht.

Also ist es ausgerechnet im Gesundheitswesen nicht so, dass sich eine gute Idee schon durchsetzen wird?

Grundsätzlich, und das will ich glauben, doch. Aber sie hat es schwerer als in anderen Bereichen. Es gibt gute Ideen, die sich aber nicht durchsetzen, weil das Timing oder auch Banaleres nicht stimmen. Doch das Thema wird immer wichtiger, denn die Herausforderung wird größer. Die Innovationsgeschwindigkeit, die wir in unserer Gesellschaft erleben, wird immer höher. Wenn ich aber die Prozesse dahinter oder die Entscheidungswege nicht anpasse, dann entwickelt sich der Innovationsstau in immer größerem Maße.

Welche Rolle spielen Informationstechnologien in Ihrer Version des deutschen Gesundheitswesens?

Das würde ich nicht auf Deutschland beschränken. Gesundheit ist eine globale Herausforderung. Informationstechnologien sind Mittel zum guten Zweck. Sie sind in den vergangenen zehn Jahren unverzichtbar geworden, weil wir in Daten ersticken. 50 Prozent aller Daten, die wir heute finden, sind nicht einmal zwei Jahre alt. Wir haben in vielen Bereichen eine Verdopplung des Wissens in weniger als drei Monaten; eine unbeschreibliche Menge an Gesundheitsdaten. Doch was wir wollen, sind entscheidungsorientierte Informationen, um den Patienten besser behandeln zu können und die Daten zu nutzen.

Standardisierung ist in der Medizin ein Horrorthema. Niemand will sich festlegen, nicht einmal darauf, welche Daten wie erhoben werden sollen. Welche Probleme bringen diese Datenunmengen genau mit sich? Und wo beginnen sie?

Die Frage ist, was wir wollen. Beschäftigen wir uns ausschließlich mit den Daten, oder verfolge ich eine bestimmte Fragestellung? Ziel und Zweck der Datensammlung und des Datenmanagements kann aus meiner Sicht immer nur sein, eine bessere Therapie oder bessere Entscheidungsgrundlage zu generieren – ob das jetzt in der Forschung oder beim Patienten ist. Da wird der Weg noch ein bisschen angepasst werden müssen.

Ich glaube nicht, dass im Gesundheitswesen alle Daten strukturiert und sauber in einer organisierten Datenbank abgelegt werden können. Das wird nie funktionieren. Die Technik muss den anderen Weg gehen, was sie mittlerweile auch tut. Die verschiedenen Systeme müssen so angepasst werden, dass ich einfach die Daten lesen kann. Und der nächste Quantensprung, den wir heute schon in zaghaften Ansätzen sehen, ist, wirklich eine Entscheidungsunterstützung zu bekommen.

Sie sprechen von intelligenten Datenbanken?

Richtig. Wir brauchen Lösungen, die bessere Informationen aus dem Vorhandenen ziehen. Die Daten entstehen von alleine. Die Herausforderung ist, unstrukturierte Daten zu analysieren und wieder zusammenzufügen; immerhin sprechen wir hier von 70 bis 80 Prozent aller Daten aus dem Gesundheitswesen.

Ein gutes Beispiel ist die Onkologie. Ich entschlüssele ein Genom und stelle fest, da sind ein paar Mutationen drin. Auf der anderen Seite gibt es einen Kliniker mit entsprechendem Patienten und Krankheitsbild. Diese zwei zusammenzubringen, ist heute schon relativ schwierig. Wenn Sie einen Patienten in den USA haben, mit gleichem Genom-Effekt, bringen Sie die Daten nicht zusammen.

Ich arbeite gerade mit einem Berliner Start-up zusammen, das an der Charité in einem Projekt beweist, dass es kein Hexenwerk ist.

Welche Fragestellung wird in dem Projekt verfolgt?

Mehrere. Sie können sich eine aussuchen. Die Kollegen haben es zum ersten Mal geschafft, eben diese ganzen unstrukturierten Daten über verschiedene Techniken so aufzubereiten, dass man quasi automatisch ein sehr gut suchbares Datensystem hat. Ich kann Patienten finden, die unter bestimmten Kriterien an folgender Krankheit therapiert worden sind, keinen oder Erfolg hatten. Ich kann für klinische Studien Patienten finden, die ich sonst manuell sehr komplex suchen müsste. Es sind beispielsweise Therapievergleiche möglich. Ich glaube, das sind beispielhafte Lösungen, die das Ziel auf dem langen Weg zur personalisierten Medizin erst aufzeigen; einzelne Patientendaten mit dem Stand der Wissenschaft spezifisch bestmöglich abgleichen zu können.

Ist Ihre Version eines zukünftigen Gesundheitswesens eine kostengünstigere Version?

Das ist eine gute Frage. (lacht) Ja, ich glaube, es wird günstiger. Wir haben sehr viel Potenzial, eine bessere Medizin zu machen. Das steht bei mir immer im Vordergrund. Und wenn wir die ganzen Ineffizienzen und Doppeluntersuchungen, die wir heute haben, reduzieren, ist auch genug Geld da. Wie viele Untersuchungen machen wir doppelt; andere sind heute gar nicht mehr notwendig. In diesem Szenario spielt IT eine enorme Rolle. Ich brauche einerseits die Patientendaten, andererseits alle Erfahrungen, und beides bestmöglich.

Wir haben eine Studie gemacht, in der wir zu dem Schluss kamen, dass 20 Mrd. Euro bereits heute eingespart werden könnten, wenn existierende Innovationen zum Einsatz kämen. Da würde sich dann der Kreis schließen!

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