„IT als Informationsanker, um Sicherheit in die Unsicherheit zu bringen“

Der Leiter der Medizininformatik-Abteilung des Spitals Thun unterstreicht die zentrale Rolle, die die Verfügbarkeit von Informationen spielt, um Mitarbeiter und Patienten besser dabei zu unterstützen, die durch COVID-19 notwendig gewordenen Prozessanpassungen umzusetzen.

von
Cornelia
Wels-Maug

Im Rahmen eines von der HIMSS D-A-CH Community organisierten TalkingPoints zum Thema „COVID-19 Pandemie: Ein Rückblick von der Spital-IT“, sprach Dr. Marc Oertle, Leitender Arzt für Medizininformatik am Spital Thun, Spital STS AG, und Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik (SGMI), über die Reaktion der IT-Abteilung des Thuner Krankenhauses auf den Ausbruch von COVID-19, die dabei zutage tretenden Herausforderungen und wie man zumindest einigen davon begegnen kann.

Laut Dr. Oertle lässt sich die Reaktion der IT-Abteilung auf die Pandemie im Nachhinein in drei sich teilweise überschneidende Phasen gliedern:

Die erste Phase stand im Zeichen der Informationstransparenz als Antwort auf die allgemein herrschende Unsicherheit unter den Mitarbeitern, aber auch, um einen sichereren Umgang mit den Patienten zu realisieren. Diese Transparenz beinhaltet, den Datenaustausch innerhalb des Spitals als auch die Skalierbarkeit von Prozessschritten zu ermöglichen. Sie wurde notwendig aufgrund der Rekrutierung zusätzlicher Mitarbeiter, neu zusammengestellter Teams und abgeänderter Übergabeprotokolle zwischen den Schichten, aber auch durch die Unerfahrenheit mit COVID-19 und den Umgang mit den daran Erkrankten. Informationstransparenz ist aber ebenso für Interaktionen mit ambulanten Patienten wichtig, insbesondere, um die Resultate der COVID-19 Tests digital zur Verfügung zu stellen. Dafür wurde ein Prozess aufgesetzt, bei dem mit dem Eintreffen der Laborergebnisse im KIS automatisch eine SMS mit einem QR-Code an den Betroffenen gesendet wird, mit dem dieser Zugriff auf die Ergebnisse erhält.

In der zweiten Phase stand die Ressourcenplanung speziell auf der Intensivstation im Vordergrund. Hier wollte man mittels eines computergestützten Entscheidungsunterstützungssystems Mitarbeitern ein mit der Ethikkommission abgestimmtes und einfach bedienbares Tool an die Hand geben, um beispielsweise bei Triage und Entlassmanagement eine qualitativ abgesicherte Entscheidungsfindung herbeizuführen. Dies ist umso wichtiger, wenn nicht alle auf der Intensivstation Arbeitenden eine intensivmedizinische Ausbildung haben.

Die dritte Phase beschäftigte sich hauptsächlich mit der Auswertung der Daten – Dr. Oertle bezeichnet sie als „Datawarehousing“. Hier ging es darum, eine für Analysezwecke optimierte Datenbank aufzubauen.

Die in den verschiedenen Phasen notwendigen Anpassungen konnten direkt von der IT-Abteilung umgesetzt werden. Es zahlte sich dabei aus, dass neben dem notwendigen Wissen im Bereich der Informatik, auch ein umfangreiches medizinische Know-how im Team vorhanden ist.

WARUM DIES WICHTIG IST

Zur Bewältigung der Pandemie war es vordringlich, in kürzester Zeit Prozesse an die neuen Erfordernisse anzupassen. IT war dabei ein wichtiges Instrument. Nachdem sich die neuen Prozesse eingespielt haben, ist es nun wichtig, zu evaluieren, was gut funktioniert und wo Lücken in struktureller, aber auch in puncto IT, aufgetreten sind, um sie dann zu schließen. Als Stärken erwies sich die Struktur des schweizer Gesundheitswesens mit seiner Vielzahl an Spitälern und Personal; wohingegen das dezentral organisierte Meldewesen für Frustration sorgte. Laut Dr. Oertle wäre eine zentrales, elektronisches Meldewesen, bei dem sofort akkurate Patientenzahlen vorliegen, wünschenswert. Er bedauert, dass die IT-Abteilung unterschiedlich gut auf bestimmte Szenarien vorbereitet war und beispielsweise keine Tele- und Videokonsultationen möglich waren.

DER GRÖßERE ZUSAMMENHANG

Angesichts der Pandemie mussten Abläufe zur Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung umgestellt werden. Dabei ist es zentral, dass die klinische IT-Infrastruktur agil und rasch bewirtschaftet werden kann. Daher der Aufruf an die Industrie, dies durch die Verwendung von Standards zu erleichtern. Jetzt ist der Zeitpunkt, Prozesse von Grund auf richtig aufzustellen, sodass Informationen durchgängig im Gesundheitssystem verfügbar sind. Dabei sollte die Funktionsweise des elektronischen Patientendossiers (EPD), mit dem Schweizer Akutspitäler seit Mitte April 2020 arbeiten müssen, hinsichtlich Standardisierung und Interoperabilität überdacht werden.

WAS GESAGT WURDE

„Wir wollten den Mitarbeitern einen Informationsanker bereitstellen, sodass sich die Leute in der Unsicherheit, sicherer fühlen“, äußert sich Dr. Oertle.

„Wir benutzten Decisison Support, um Entscheidung, die nicht einfach sind, einfacher zu machen“, erklärt Dr. Oertle die Entscheidung, Ungleichheiten im Wissenstand des Personals auszugleichen.

„In unserer IT-Abteilung haben wir dank des Mixes aus Ärzten und Informatikern direkt alle notwendigen Anpassungen im Hause umsetzen können. Dadurch waren wir maximal agil“, bemerkt Dr. Oertle.

 

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Dr. Marc Oertle sprach mit Armin Scheuer, Vice President Business Development International, HIMSS.

Die vollständige Aufzeichnung des Gesprächs in deutscher Sprache ist hier verfügbar.

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