Mehr Power im Alpenraum

Der D-A-CH-Raum ist nicht nur kulturell vielfältig; auch die nationalen E-Health-Projekte offenbaren große Unterschiede. Nachgefragt in Berlin, Bern und Wien.

von
Claudia
Dirks

An Selbstbewusstsein mangelt es Clemens Martin Auer, Leiter Sektion I – Gesundheitssystem, zentrale Koordination im österreichischen Bundesministerium für Gesundheit, nicht: „Beim Thema  E-Health geht es in Europa generell langsam voran. Aber unter den Langsamen sind wir mit die Schnellsten.“ Gerade mit Blick auf den nördlichen Nachbaren kann sich Auer sein Selbstbewusstsein leisten: Gerade eben erst hat die EU-Kommission in ihrem „European Hospital Survey 2012-2013“ den österreichischen Krankenhäusern bescheinigt, ihre deutschen Geschwister in Sachen E-Health-Anwendungen deutlich hinter sich zu lassen.

Österreich: Krankenhäuser als Stützen der E-Health-Politik

Als Kickstarter der österreichischen E-Health-Bemühungen gilt die damals durchaus umstrittene Einführung der E-Card ab dem Jahr 2004/2005: „Die E-Card war insofern wichtig, als sie eines der großen Leitprojekte war. Ohne solche Leitprojekte passiert nicht viel“, so Auer. Mittlerweile sind die Smartcards und das mit ihr einhergehende Online-Netzwerk Alltagsprodukte, die Jahr für Jahr zig-millionenfach genutzt werden. Die Karte speichert keine Daten, sondern dient der Identifizierung des Patienten. Ein Reigen an administrativen Vorgängen zwischen medizinischer Einrichtung und Sozialversicherung wird mit ihrer Hilfe abgewickelt, von Abrechnung bis Krankenstandsmeldung.

E-Health Services: Felix Austria

Mit dem maßgeblich von Deloitte umgesetzten Report „European Hospital Survey: Benchmarking Deployment of e-Health Services (2012-13)“ der EU-Kommission liegt ein aktuelles Dokument vor, das eine einigermaßen objektive Einschätzung der E-Health-Bemühungen der Krankenhäuser in unterschiedlichen europäischen Ländern erlaubt. Berücksichtigt sind die 28 EU-Staaten plus Norwegen und Island, leider nicht die Schweiz.

In der Gesamtstatistik schlägt Österreich Deutschland deutlich. Beim „eHealth Deployment“-Composit-Index, der Aussagen über die Verbreitung von E-Health-Lösungen unterschiedlicher Couleur erlaubt, landet Österreich auf Rang 9, Deutschland dagegen nur auf Rang 18. Beim „eHealth Availability and Use“-Composit-Index, der Aussagen über die tatsächliche Nutzung von E-Health-Anwendungen erlaubt, landet Deutschland auf Rang 19 und Österreich auf Rang 13.

In der Einzelschau liegt Österreich in vielen Dimensionen der Gesundheits-IT über dem europäischen Durchschnitt. Für PACS wird eine Durchdringung von 100 Prozent angegeben. Vor allem aber ist der elektronische Austausch von klinischen Dokumenten, Labordaten und radiologischen Befunden mit externen Partnern weit überdurchschnittlich. Hier werden jeweils rund 4,5 von 5 möglichen Punkten erreicht. Der europäische Durchschnitt liegt bei unter 3. Einrichtungsweite, alle Abteilungen umfassende elektronische Patientenakten haben drei von vier Häusern, was einem Punktwert von 4 entspricht. Der europäische Durchschnitt liegt auch hier bei 3 Punkten.

Deutschland schneidet in praktisch allen Parametern deutlich schlechter ab. Die PACS-Durchdringung liegt bei 77 Prozent. Der einrichtungsübergreifende Austausch elektronischer Labordaten erhält nicht mal zwei Punkte, weniger als der auch nicht berauschende EU-Durchschnitt von rund 2,5 Punkten. Beim Austausch radiologischer Befunde und anderer klinischer Daten liegt Deutschland mit je rund 3 von 5 Punkten im EU-Durchschnitt. Einrichtungsweite elektronische Akten haben 63 Prozent der Häuser. Auch das ist allenfalls EU-Durchschnitt.

Nach der Einführung der E-Card gab es eine zeitlang Hoffnungen auf eine rasche Umsetzung medizinischer Anwendungen unter Einsatz der Karte. Diese Hoffnungen haben sich zwar bisher nicht erfüllt. Allerdings wurden diverse Anwendungen in Pilottests evaluiert. „Medizinische Funktionen müssen sehr sorgfältig ausgewählt werden, und sie sollten erst dann ausgerollt werden, wenn sie massentauglich sind“, sagt Auer. Die Schwelle überschreiten dürfte in Kürze ein von der Sozialversicherung mittlerweile umfänglich getestetes DiabetesMonitoring-Programm, das damit zur ersten landesweiten medizinischen Anwendung der E-Card würde.

Eine zweite medizinische Anwendung der E-Card, die E-Medikation, soll ab 2015 schrittweise eingeführt werden, zunächst an den Krankenhäusern. Das ist ein typisches Muster, wie Auer erläutert: „Die Krankenanstalten sind die großen Stützen der E-Health-Einführung in Österreich. Sie haben mehr Erfahrungen als niedergelassene Ärzte mit komplexen EDV-Systemen, und sie profitieren stark von der Standardisierung und Vereinheitlichung, die mit der Einführung von E-Health-Anwendungen einhergeht.“

Das große E-Health-Thema in Österreich ist derzeit natürlich die elektronische Gesundheitsakte (ELGA). Nach Inkrafttreten des ELGA-Gesetzes am 1. Januar 2013 wurde das ELGA-Portal Anfang 2014 freigeschaltet. Österreichische Bürger, die keine ELGA wollen, können sich jetzt abmelden („opt out“). Bisher haben das rund 60.000 Österreicher getan, ein Erfolg, wie Auer findet: „Das sind weit unter ein Prozent der potenziellen Anwender“. Live gehen soll die Akte schrittweise ab 2015, und auch hier werden die Krankenhäuser die Vorreiter sein.

Schweiz: Patientenaktengesetz ist auf dem Weg

In der Schweiz ist noch kein Patientenaktengesetz verabschiedet. Es ist aber auf dem Weg. „Je nach Debattenverlauf im Parlament, könnte das Bundesgesetz um das Elektronische Patientendossier-Gesetz im Jahr 2017 in Kraft treten“, sagt Adrian Schmid, Leiter „eHealth Suisse“ dem Koordinationsorgan Bund-Kantone in Bern. Unabhängig davon gehen auf Ebene der Kantone die Bemühungen um regionale elektronische Patientenakten weiter.

Wie in einem sehr föderalen System nicht anders zu erwarten, ist die Dynamik unterschiedlich. Schmid: „Von den 26 Kantonen warten sieben die Rechtsverbindlichkeit ab. Weitere drei bis vier sind gerade in einem internen Meinungsbildungs­prozess. Die übrigen haben entweder eigene Aktenprojekte, oder es sind kleine Kantone, die sich bei der Patientenakte dem jeweiligen Nachbarkanton anschließen wollen.“

Noch nicht endgültig geklärt ist in der Schweiz die Rolle der Versichertenkarten im Zusammenhang mit den elektronischen Patientendossiers: „Im Kanton Genf wird die Karte als Identifikationsmittel für das Patientendossier eingesetzt. Ob das schweizweit so gehandhabt wird, wird erst mit den Bestimmungen zum Bundesgesetz endgültig festgelegt“, so Schmid.

Denkbar sei, dass auch andere Möglichkeiten der Patientenidentifikation geschaffen werden, beispielsweise der Einsatz von Smartphones. Die Erfahrungen mit der Smartcard-Akte in Genf sind nämlich zwiespältig. Die Sache funktioniert zwar. Aber die Nutzerraten sind relativ gering, was mit Problemen bei der Handhabung der Karten in Verbindung gebracht wird.

Deutschland: Bloß niemanden verprellen

In Deutschland ist man von solchen Überlegungen weit entfernt. Ein Patientenaktengesetz wird nicht ansatzweise diskutiert. Alle Augen sind derzeit auf die anstehenden Online-Tests der eGK gerichtet, die die administrative Nutzung der Karte etablieren, die in Österreich längst Realität ist. Die Tests starten Ende 2014. Wann der Rollout des Online-Updates der Versichertenstammdaten stattfindet, ist unklar. Die Entscheidung hängt auch davon ab, ob sich die Kassenärzte durchsetzen und der Online-Rollout erst nach der Testung der elektronischen Signatur der Leistungserbringer gestartet wird– dann wohl nicht vor 2017.

Darüber hinausgehende medizinische Funktionen der deutschen eGK sind allenfalls am Horizont erkennbar. Eine elektronische Arzneimitteldokumentation im Rahmen einer zweiten Stufe der Online-Tests ist zumindest Teil des Zeitplans. Allerdings wird hier plötzlich wieder über die Speicherung der Daten auf der Karte diskutiert. Auch diese Retro-Vision geht auf den Druck der Ärzte zurück, dem man im deutschen Bundesministerium für Gesundheit offensichtlich nachzugeben bereit ist: „Es ist aus Patientensicht unwesentlich, ob die Daten offline oder online bereitgestellt werden“, so das Ministerium.

Möglicherweise liegt in dieser politischen Mir-doch-wurscht-Haltung der Grund, warum Deutschland im deutschsprachigen Raum in Sachen E-Health derzeit das Schlusslicht bildet. Während es in Österreich und der Schweiz spürbar um Inhalte geht, hat man in Deutschland den Eindruck, dass das Ministerium vor allem daran interessiert ist, niemanden zu verprellen, insbesondere nicht die Ärzte. Es fehlt so etwas wie der politische Drive, E-Health auch gegen Widerstände voranzubringen.

Alpenländer wollen SNOMED CT testen

Deutlich wird das nicht nur an den nationalen Infrastrukturprojekten, sondern auch am Thema Standardisierung. Sowohl in Österreich als auch in der Schweiz ist IHE gesetzt. In Österreich gab es bereits 2006 einen politischen Grundsatzbeschluss, der IHE-Profile als Basis für den einrichtungsübergreifenden Datenaustausch festschrieb. Und auch in der Schweiz wurde IHE vom Koordinationsorgan Bund-Kantone von Anfang an favorisiert – mit dem Erfolg, dass es sich in den kantonalen Projekten durchsetzte.

In Deutschland fehlen politische Bekenntnisse. Noch immer gibt es reihenweise regionale Vernetzungsprojekte, denen IHE-Profile völlig egal sind. Selbst bundesweite Initiativen wie die Vernetzungsprojekte der Kassenärzte können es sich in dieser politischen Großwetterlage leisten, auf IHE-Profile zu pfeifen.

Bei der semantischen Interoperabilität ist es ähnlich. Die Schweiz hat im Herbst 2013 eine Vereinbarung mit der IHTSDO unterzeichnet, die internationale Terminologie SNOMED CT drei Jahre lang zu testen. In Österreich verfolgt man das aufmerksam: „Wir werden mit einiger Wahrscheinlichkeit auch diesen Weg gehen“, so Auer.

Das deutsche Gesundheitsministerium bleibt dagegen bei der Frage der Interoperabilität genauso einsilbig wie bei vielen anderen E-Health-Fragen. Ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl ist man weiterhin mit der Auswertung der im Sommer 2013 fertiggestellten Interoperabilitätsstudie beschäftigt. Ob deren desaströse Ergebnisse in dieser Legislatur noch Konsequenzen haben werden, erscheint schon jetzt eher fraglich.

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