Hauptstadtkongress Medizin & Gesundheit

Neue Strukturen für die klinische Versorgung in Deutschland

Hauptstadtkongress Medizin & Gesundheit stellt Krankenhaus Rating Report 2019 vor – und zieht Bilanz über Insolvenz, Fallzahlen und Jahresabschlüsse.

von
Anna
Engberg

Die wirtschaftliche Situation deutscher Krankenhäuser hat sich im Jahr 2017 verschlechtert. Mehr als jedes vierte Krankenhaus (28 Prozent) verzeichnete bei seiner Bilanz ein Verlustgeschäft – und rund 12 Prozent der Häuser sind inzwischen insolvenzgefährdet. Das sind 5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Diese Zahlen gehen aus dem aktuellen Krankenhaus Rating Report 2019 hervor, der auf dem jüngsten Hauptstadtkongress Medizin & Gesundheit vom 21. bis 23. Mai 2019 in Berlin vorgestellt wurde. Der jährliche Report wird gemeinsam vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und dem Institute for Health Care Business (hcb) in Kooperation mit Deloitte und HIMSS erstellt.

Für die Analyse wurden rund 550 finanzwirtschaftliche Jahresabschlüsse von knapp 900 deutschen Krankenhäusern aus den Jahren 2016 und 2017 eingeholt und ausgewertet. Deren Umsatz macht rund 70 Prozent vom Gesamtumsatz im deutschen Krankenhausmarkt aus.

12 Prozent der deutschen Kliniken sind insolvenzgefährdet

Die Statistiken, die im Rahmen der Session „Krankenhaus Rating Report 2019 - Das Ende des Wachstums?“ in Berlin vorgestellt wurden, zeigten außerdem: Die Zahl stationärer Fälle ist um 0,5 Prozent gesunken bei gleichzeitiger Ambulantisierung, d.h. weniger stationären Aufnahmen, dafür umso mehr ambulanten Behandlungen in der  deutschen Kliniklandschaft. Das könnte eine mögliche Ursache für die ausbleibenden Gewinne sein, mutmaßten die Autoren des Reports auf dem Hauptstadtkongress. Aber auch Faktoren wie der Fachkräftemangel spielten eine entscheidende Rolle.

Deutsche Krankenhausstruktur braucht Modernisierung

Angesichts der Entwicklungen sprachen sich die Autoren für eine Modernisierung und nachhaltige Umgestaltung von Strukturen in der deutschen Krankenhauslandschaft aus: „Wir brauchen neue sektorenübergreifende Vergütungsmodelle“, forderte Boris Augurzky, vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Lücke bei der Investitionsfinanzierung müsse geschlossen werden, erklärte der RWI-Gesundheitsexperte.

Dem stimmte auch Sebastian Krolop, einer der Autoren der Studie und Global Chief Operating and Strategy Officer bei der HIMSS, zu: „Ohne ein patientenzentriertes und ergebnisorientiertes Vergütungsmodel, welches Innovationen und Investitionen berücksichtigt, werden sich die etablierten Gesundheitsanbieter nicht ändern und am Ende von digitalen Gesundheitsplattformanbietern überrannt“, warnte er und fügte hinzu: „Der Strukturfond war ein guter erster Ansatz, der nun eingeschlagene Weg zur Selbstkostendeckung bewirkt leider genau das Gegenteil.“  Statt Selbstkostendeckung sprachen sich die Referenten für sogenannte regionsbezogene Capitationsmodelle als Vergütungsmodell aus.

Digitalisierung und Zuwanderung gegen Fachkräftemangel

Mit Blick auf den Fachkräftebedarf hob Krolop die Digitalisierung mit modernen Techniken wie künstlicher Intelligenz und Robotik, aber auch Zuwanderung als mögliche Lösungsansätze zur Entlastung hervor.

Die Autoren regten außerdem eine Umverteilung der Gelder aus dem Krankenhausstrukturfond an, um die Versorgungsstrukturen zu verbessern: dieser stellt den Kliniken jährlich bundesweit ein Volumen von 500 Millionen Euro aus dem Gesundheitsfonds zur Verfügung und fördert Investitionsmaßnahmen.

Der Trend

Damit ist klar: das Geschäftsmodell vieler kleiner, wenig spezialisierter Krankenhäuser muss sich ändern. Veraltete Strukturen erfordern eine Transformation und Investitionen in Richtung Digitalisierung müssen angegangen werden. „Die Fachkräfte brauchen virtuelle Unterstützung und Entlastung bei Administration und Austausch, um mehr Zeit für Patienten zu haben“, betonte Krolop.

Deutsche Krankenhäuser befänden sich derzeit im internationalen Vergleich bei Kennzahlen wie Verweildauer, Standortdichte und Digitalisierungsgrad im letzten Drittel. Könnte man die Krankenhausstrukturen durch Umstrukturierungen und Investitionen in digitale Technologie jedoch nachhaltig optimieren und die Produktivität der Häuser steigern, wäre es denkbar, die wirtschaftlich schlechte Situation in der deutschen Krankenhauslandschaft trotz zunehmender Ambulantisierung bis 2025 auf 21 Prozent im roten Rating-Segment einzudämmen.

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