Pflege 4.0

Immer mehr Pflegebedürftigen stehen immer weniger Pflegekräfte gegenüber. Kann Technologie helfen, die Kluft zu schließen? Im Januar gingen vier Pflegepraxiszentren an den Start, dies gemeinsam mit Wissenschaftlern und Industriepartnern zu untersuchen.

von
Cornelia
Wels-Maug

Schon jetzt gibt es in Deutschland Engpässe in der Pflege; laut der Gewerkschaft ver.di fehlten 2017 40.000 Fachkräfte in der Altenpflege. Der Deutschen Pflegerat prognostiziert, dass bis zum Jahr 2030 300.000 Pflegekräfte fehlen werden, davon allein 200.000 in der Altenpflege. Laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird bis dahin die Zahl der Pflegebedürftigen über auf 3,4 Millionen ansteigen, 30 Prozent mehr als gegenüber den 2,6 Millionen Pflegebedürftigen in 2016.

Um eine „bedarfsgerechte und qualitätsvolle“ Pflege sicherzustellen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bundesweit insgesamt bis 2022 €20 Millionen Fördermittel zur Verfügung gestellt, um „Lösungen zur Mensch-Technik-Interaktion in der Pflege“ zu entwickeln. Das BMBF geht dabei davon aus, dass der Einsatz von Technologie es erlaube, den Alltag von Menschen, die in Pflegeheimen, Krankenhäusern und in der häuslichen Pflege tätig sind, erheblich zu erleichtern. Im Rahmen des 2017 vom BMBF ins Leben gerufenen Clusters "Zukunft der Pflege" sind nun im Januar 2018 insgesamt vier Pflegepraxiszentren (PPZ) in Hannover, Freiburg, Nürnberg und Berlin an den Start gegangen.

Pflegepraxiszentren als Model zukunftsweisender Versorgung

Die Aktivitäten dieser vier PPZ sind in unterschiedlichen Versorgungskontexten angesiedelt, von der Alten-, über die Akut- und Intensiv- bis hin zur Palliativpflege. Es geht dabei immer darum, mithilfe von Technologie, die Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und die Lebensqualität von Pflegebedürftigen zu ermöglichen. Dabei werden die Zentren von Wissenschaftlern beim Einsatz neuer Pflegemöglichkeiten unterstützt und arbeiten eng mit forschenden Industriepartnern sowie Einrichtungen der Gesundheits- und Pflegebranche zusammen.

"Wir wollen die Pflege in Deutschland verbessern. Pflegebedürftige Menschen brauchen mehr Unterstützung und die Forschung kann helfen, ihre Lebensqualität zu verbessern. Gleichzeitig möchten wir professionelle Pflegekräfte und pflegende Angehörige bei ihrer schweren Arbeit entlasten. Mit den Pflegepraxiszentren schaffen wir die Möglichkeit, gemeinsam im Pflegealltag neue Wege einzuschlagen. Dabei soll die Technik die Pflege unterstützen und wieder mehr Freiheiten im Umgang mit dem Patienten schaffen", erläutert Bundesforschungsministerin Johanna Wanka anlässlich des Arbeitsbeginns der PPZ-Teams deren Konzept.

Die Schwerpunkte der Praxen

Im PPZ-Hannover wird eine bestehende unfallchirurgische Station neu gestaltet, indem bestehende Pflegeroutinen durch den Einsatz von Assistenzsystemen weiterentwickelt werden. Es geht dabei unter anderem um die Nutzung von Pflegebetten, die mittels Sensorik die Liegeposition des Patienten anpassen, Desinfektionsrobotern zur Senkung der Infektionsgefahr sowie innovativen Transportsystemen, die den Pflegekräften Laufwege abnehmen.

In Freiburg beschäftigt sich das dortige PPZ damit, wie digitale Unterstützung in der Akutpflege bei der Behandlung und Versorgung von Demenzkranken weiterhelfen kann. Es wird erprobt, inwiefern „digitale Begleiter" den betroffenen Patienten erleichtern können, sich an die Krankenhaussituation zu gewöhnen und wie neue technische Lösungen zur Reduzierung der Lärmbelastung auf Intensivstationen eingesetzt werden können, um stresserzeugende Geräusche für Pflegefachkräfte und Patienten zu verringern.

Das PPZ-Nürnberg will mittels technischer Unterstützungssysteme die Organisation der Pflege im Krankenhaus als auch im Pflegeheim schonender und effizienter für Patienten und Pflegekräfte gestalten. Dabei geht es auch darum, herauszufinden, wie neue Pflegetechnologie die Arbeitsabläufe beeinflusst und wie ein reibungsloses Zusammenspiel mit schon vorhandenen Technologien wie beispielsweise Dokumentationssoftware sichergestellt werden kann.

In Berlin arbeitet das PPZ-Berlin an der schrittweisen Digitalisierung einer Station eines Akutkrankenhauses. Dabei wird z. B. an der Vernetzung aller an der Versorgungskette Beteiligten gearbeitet, sodass Pflegefachkräfte künftig über die im Pflegeprozess relevanten Informationen verfügen, während Pflegebedürftige von einem verbesserten Übergang von der Akutversorgung im Krankenhaus zur stationären oder ambulanten Altenpflege profitieren.

www.bmbf.de/de/meilenstein-fuer-die-zukunft-der-pflege-5376.html

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