Der Konflikt um das öffentliche Wohl: Recht auf Privatsphäre versus Bürgerschutz

Die Privatsphäre bleibt auch in den Zeiten von COVID-19 ein wichtiges Kriterium für den Einsatz von Technologie, argumentiert Dr. Charles Alessi, Chief Clinical Officer bei HIMSS.

von
Dr. Charles
Alessi

Die Debatte um den Konflikt zwischen dem Bürgerrecht auf Privatsphäre und der Verantwortung des Bürgers gegenüber seinen Mitmenschen in Bezug auf die öffentliche Gesundheit ist nicht neu. Die Pflicht, die Ansichten eines Patienten in Bezug auf das mit der Offenlegung verbundene, potenzielle öffentliche Gut zu respektieren, ist in vielerlei Hinsicht Teil des Beziehungsgeflechtes zwischen der Ärzteschaft und den Patienten.

Der Rat an die Ärzte ist sehr klar. Die vertrauliche Behandlung von Patienten ist ein wichtiger Grundsatz in allen Bereichen der Medizin. Es gibt jedoch Umstände, unter denen die Vertraulichkeit im besten Interesse des Patienten oder der Gesellschaft verletzt werden muss. Es ist auch zulässig, den Wunsch eines Patienten nach Anonymität außer Kraft zu setzen, wenn dies das Leben eines anderen gefährden könnte.

Der Unterschied bei COVID-19 besteht darin, dass diese Entscheidungen bisher von Fall zu Fall getroffen wurden, in der Regel mit weiteren Eingriffen und Debatten durch andere Berufsangehörige. COVID-19 hat jedoch die Art dieser Beschlüsse verändert, so dass es nunmehr unter Regierungen allgemein verbreitet ist, einen Pauschalansatz zu verfolgen, anstatt von Fall zu Fall eine sorgfältige Prüfung durchzuführen.

Warum hat COVID-19 die Landschaft verändert?

Regierungen regieren mit unserer Zustimmung und ein Teil des Vertrags, der uns zusammenhält, basiert auf einer bilateralen Vereinbarung, wonach sie verpflichtet sind, uns zu schützen und öffentliche Dienstleistungen zu erbringen, und wir die Pflicht haben, die Gesetze des Landes einzuhalten und die Rechte von anderen zu respektieren.

Die Pandemie rückt all dies deutlich in unser Blickfeld. Die Regierungen stehen zunehmend unter dem Druck zu zeigen, dass sie alles tun, um uns zu schützen - insbesondere in Zeiten, in denen die Gesundheits- und Pflegesysteme in einem Maß herausgefordert werden, der bis zur Überforderung reicht. Dann beginnen sie, über die Schwierigkeiten beim Umgang mit den Pandemiewellen nachzudenken und betrachten auch Beispiele von Ländern wie Taiwan und Südkorea, die als große Erfolgsgeschichten bei der Bewältigung der ersten Welle dieser Pandemie gefeiert wurden. Hier wurde Technologie ausgiebig zur Rück- und Nachverfolgung und Quarantäne eingesetzt, sowohl im Hinblick auf GPS als auch auf elektronische Absperrungen.

Angesichts der schwierigen Situation zu Beginn des Lockdowns wurden in beiden Ländern technologische Track & Trace-Anwendungen auf der Basis einer „ganzen Nation“ eingesetzt, und es wurden Notfallbefugnisse oder ähnliche Rechtsinstrumente herangezogen, um diese Technologie bereitzustellen. Bemerkenswert ist auch die öffentliche Unterstützung für die Verbreitung dieser Technologien.

Obwohl diese Vorgehensweisen vollkommen nachvollziehbar sind und offensichtlich funktioniert haben, sollte man nicht vergessen, dass der optimale Weg für den Einsatz von Technologie derjenige Weg ist, den der Bürger auch einschlagen möchte, ohne sich auf das Gesetz zu beziehen. Daher bleibt die Privatsphäre auch in diesen Zeiten von COVID-19 ein wichtiges Kriterium für den Einsatz von Technologie.

Es stellt sich daher die Frage, wie wir am besten sicherstellen, dass solche eher proskriptiv-verbannenden Prozesse nur begrenzt genutzt werden und wir die Bevölkerung vielmehr davon überzeugen als zwingen, den unbestrittenen Wert von Daten und Informationen zu nutzen, um bessere Ergebnisse für sich und die Mitbürger zu erzielen.

Einige Länder greifen auf Mechanismen wie „Sunset-Klauseln“ zurück, um zentralisierte Ansätze beim Datenmanagement nur in Krisenzeiten umzusetzen, während andere bereits recht heftige Diskussionen über die Einführung von Track & Trace-Apps führen, um die Wahrung der Privatsphäre trotz der Einführung dieser Technologien so weit wie möglich zu gewährleisten.

Es gibt guten Grund zur Sorge. Die Geschichte lehrt uns, dass Regierungen dazu neigen, die in Notfällen einmal eingerichteten Technologien oder Prozesse nicht so schnell wie möglich abzubauen und in einigen Fällen scheinen einige Aspekte der Überwachung und des Eindringens sogar bestehen zu bleiben, nachdem die Bedrohung längst überwunden ist.

Der Wert der Interoperabilität ist klar

In diesem Zusammenhang lohnt sich der Blick auf die neue Zusammenarbeit zwischen Apple und Google im Bereich der Kontaktverfolgung. Die von ihnen angekündigte Initiative ermöglicht es Android- und iOS-Geräten mit Hilfe einer zeitlich streng begrenzten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung interoperabel zu sein, ohne dass zentrale Server erforderlich sind. Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht die Wahrung der Privatsphäre, Transparenz und Zustimmung. Informationen werden auf dem Mobiltelefon jeder Person und nur für eine begrenzte Zeit gespeichert, damit die Kontaktverfolgung durchgeführt werden kann.

Dieser Ansatz scheint der bevorzugte Ansatz zu sein, den die meisten Rechtssprechungen in Europa verfolgen. Und er bietet den zusätzlichen Vorteil, dass er Reisen zwischen Ländern ermöglichen würde, welche auf dieselbe Lösung zurückgreifen. Dies ist insofern ein Wendepunkt, als die Besorgnis über den Einsatz von Technologie zunimmt, obwohl die Möglichkeit besteht, dass persönliche Freiheiten – ohne diese – beeinträchtigt werden.

Dabei ist es äußerst hilfreich, wenn diese Unternehmen dahingehend zusammenzuarbeiten und demonstrieren, dass effektive technologische Lösungen möglich sind, welche die Privatsphäre nicht beeinträchtigen. Wir sollten uns auf weitere Beispiele freuen, wie sich diese Technologie entwickeln wird. Neue stabile Lösungen dieser Art bieten uns die große Chance, eine Grundlage für eine verbesserte Interoperabilität von Technologien zu schaffen, die weit über einzelne Länder hinausgeht und das globale Dorf umfasst, in das wir zurückkehren werden, sobald diese Pandemie ihren Lauf genommen hat.

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Dies ist eine Übersetzung eines Artikels von Dr. Charles Alessi, erschienen auf der englischsprachigen Version von Healthcare IT News.

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