Reifegradmodelle: “Es geht NICHT um die Verfügbarkeit der Technik“

Experten am European Data Summit der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstreichen die Bedeutung von Reifegradmodellen für einen ergebnisorientierten Einsatz von IT Lösungen im Gesundheitswesen.

von
Armin
Scheuer

Matthias Meierhofer, Vorstandsvorsitzender der Meierhofer AG und Leiter der bvitg Arbeitsgruppe „Krankenhausinformationssysteme“ bringt es auf den Punkt: „Wir waren analog lange zu gut“ – das, sei ein Grund für den Digitalisierungsstau im deutschen Gesundheitswesen. Ein Argument, das Dr. Afzal Chaudhry, CMIO am Cambridge University Hospital sofort entkräftet.

„Wir dachten, wir sind gut genug; aber dann konnten wir mithilfe von Scannern nachweisen, dass wir pro Tag mehrere Vorfälle hatten, bei denen versucht wurde Medikamente an den falschen Patienten abzugeben“, sagt er.  

Dr. Chaudhry und sein Team haben das Cambridge University Hospital von Digitalisierungsstufe 1 auf Digitalisierungsstufe 6 im HIMSS EMRAM Modell gehoben. Das Reifegradmodels half ihm, die Ergebnisse für Patienten zu messen – und nicht lediglich die Verfügbarkeit von IT Lösungen aufzulisten.

NHS Checkliste größtenteils nutzlos

Zu diesem Zeitpunkt verfügte das NHS England über eine Checkliste; die Selbstauskunft der Krankenhäuser zeigte eine hohe Verfügbarkeit digitaler Systeme. Jedoch komme es nicht auf die Verfügbarkeit, sondern die Nutzung der Systeme an, erklärte Dr. Chaudhry. Erst mit dem Reifegradmodell konnten die Vorteile für Patienten aufgezeigt und Verbesserungspotentiale für die Gesundheitsversorgung gehoben werden.

Die Ergebnisse und Erfahrungen von Dr. Chaudhry sind in großen Teilen direkt vergleichbar mit der Situation von Krankenhäusern in Deutschland – das machte Henning Schneider deutlich; zumindest mit jenen Krankenhäusern, die wie Cambridge University Hospital das HIMSS EMRAM Modell durchlaufen haben. Schneider erreichte als CIO des UKE als erstes Krankenhaus in Europa darin die höchste Digitalisierungsstufe.

Henning Schneider unterstreicht ebenso, dass es nicht um die Technik an sich gehe; sondern um deren Anwendung und die Ergebnisse für Patienten. Eine These die auch Dr. Sebastian Krolop, HIMSS, unterstreicht und ein Einschreiten des Gesetzgebers vorschlägt.

„Wie soll denn ein Patient sonst wissen, welches Krankenhaus über die nötige, technische Infrastruktur und Prozesse verfügt, um eine Gesundheitsversorgung nach den neuesten Erkenntnissen zu ermöglichen“, frägt er in die Runde.

Bei Förderungen vorstellbar

„Als die Verkehrstoten anstiegen, führte der Gesetzgeber eine Gurtpflicht ein“, gibt Claudia Dirks vom Health Innovation Hub zu bedenken. „Was unterscheidet nun Verkehrstote von Toten durch Medikationsfehler?“ will sie wissen.

Angesprochen ist Nick Schneider, Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit. Die Gesundheitsversorgung sei föderal geregelt; es besteht nur eine geringe Bereitschaft des Gesetzgebers einzugreifen, sagt er. Bei der Vergabe von Förderungen wäre es jedoch vorstellbar, diese an ein Reifegradmodell zu koppeln, welches die Wirksamkeit der Investitionen in IT sichtbar macht. Sonst sei es den Krankenhäusern überlassen, über die Nutzung von Reifegradmodellen zu entscheiden.

Diesen Punkt greift Matthias Meierhofer gerne auf – denn neben den diskutierten Verbesserungen für Patienten steht die Frage im Raum, wie das Gesundheitswesen denn die IT Infrastruktur überhaupt finanzieren kann.

„Wir fördern heute sehr erfolgreich Zement; das kann man an den modernen Krankenhausneubauten sehen“, sagt er. Die Förderung einer digitalen Infrastruktur innerhalb dieser „modernen“ Gebäude jedoch sei schwach; hier könne die Politik einen ergebnisorientierten und objektiven Rahmen schaffen.

Zum zweiten European Data Summit lud die Konrad Adenauer Stiftung in Berlin ein. Mit dabei: Henning Schneider (CIO, Asklepios), Dr. Sebastian Krolop, PhD, MSc (Chief Operating & Strategy Officer, HIMSS), Nick Schneider (Head of Division 511 on new technologies and data use at the German Federal Ministry of Health), Stefan Biesdorf (Partner, McKinsey) und Matthias Meierhofer (Leiter der Arbeitsgruppe KIS, BVITG und Vorstandsvorsitzender, MEIERHOFER AG). Moderation: Claudia Dirks, Health Innovation Hub.

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