"Wir müssen die europäische Gesundheitsbehörde dramatisch stärken"

Telemedizinische Plattformen, Bots und IT-Systeme helfen dabei, die medizinische Versorgung aus der Ferne sicherzustellen, ermöglichen ein effizientes Krisen-Management und akkurate Ressourcenplanung.

von
Artur
Olesch

“Vor eineinhalb Jahren haben wir damit begonnen, eine neue rechtliche Rahmenstruktur und ein innovationsfreundliches Ökosystem für das Gesundheitswesen aufzubauen. Seitdem wurden viele digitale Lösungen für Patienten und Ärzte implementiert, die jetzt Vorteile bringen. Apps und telemedizinische Dienste können zumindest bis zu einem gewissen Grad medizinische Fachkräfte und Pfleger bei ihrer Tätigkeit unterstützen und Patienten mit zuverlässigen Informationen zu COVID-19 versorgen”, sagte Prof. Jörg Debatin, Leiter des Health Innovation Hub (hih). Der Think Tank, der vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) eingerichtet wurde, zielt darauf ab, die Digitalisierung des Gesundheitssektors in Deutschland zu beschleunigen und hilft dabei, neue Gesetze in praktische Lösungen umzuwandeln. Debatin war der Gast bei einemTalkingPoints Webinar der HIMSS D-A-CH Community am 17. März 2020.

Bis 2018 waren Fernuntersuchungen in Deutschland nicht erlaubt. Einiges hat sich jedoch bereits getan, seit die rechtlichen Einschränkungen aufgelockert wurden. Einige der Krankenkassen erstatten jetzt telemedizinische Dienste, die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zertifiziert sind. Da digitale Gesundheitslösungen unter Ärzten noch nicht vollständig verbreitet sind, sind feste Regelungen jetzt unerlässlich.

Werkzeuge – bereit zur Implementierung

In Reaktion auf die COVID-19 Pandemie hat der Health Innovation Hub eine Liste mit vertrauenswürdigen telemedizinischen Diensten veröffentlicht (einschließlich Kosten, Erstattungsrichtlinien, Funktionalität und Preisen), die sich leicht und ohne technisches Knowhow oder Hardware-Investitionen in die ärztliche Praxis integrieren lassen. Die meisten hiervon sind kostenlos verfügbar.

“Wir sehen ein wachsendes Interesse. Vor der COVID-19 Pandemie interessierten sich nur einige wenige Hundert Ärzte für telemedizinische Lösungen. In den letzten Tagen hat sich die Zahl auf mehrere Tausend erhöht”, sagte Debatin. Die sicheren digitalen Plattformen, die Arzt-Patient-Interaktionen ermöglichen, sind hilfreich, besonders heutzutage, wenn Bürger über ihre Gesundheit besorgt und gleichzeitig von Gesundheitsdienstleistungen abgeschnitten sind, da sie zuhause bleiben sollen. Fernberatungen können nicht nur von Hausärzten angeboten werden, sondern auch von Fachärzten, wie z.B. Psychotherapeuten und Psychologen. Auch diese müssen weiterhin ihre Patienten sehen und Telemedizin stellt hier mitunter die einzige Möglichkeit dar.

Debatin hofft, dass sich digitale Gesundheitsdienste langfristig auf dem Gesundheitsmarkt etablieren werden. Termine für Nachkontrollen bei chronischen Patienten oder Rezept-Erneuerungen können telemedizinisch erledigt werden, ohne die Qualität der Gesundheitsdienste einzuschränken. Dies führt auch zu einer Reduktion der Arbeitslast in den Kliniken. “Ärzte gewinnen mehr Zeit für Patienten, die tatsächlich ein persönliches Treffen und eine medizinische Untersuchung in der Klinik benötigen. Darum geht es bei der Digitalisierung”, betonte Debatin.

Chatbot zur Risikoeinschätzung

Ist dies nun eine Erkältung, eine Grippe oder vielleicht der Coronavirus? Ein deutsches Start-Up, DOCYET, hat hierfür eine Anwendung erstellt, die klären soll, ob ein Patienten typische Symptome einer SARS-CoV-2 Infektion hat. Dies ist der sogenannte Corona-Bot, der täglich aktualisiert wird und den jüngsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Daten folgt, die von zentralen wissenschaftlichen Einrichtungen der Regierung wie dem Robert Koch-Institut (RKI) und dem Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegeben werden. Der kostenfreie Chatbot stellt Fragen zu Symptomen und anderen Faktoren, welche die Wahrscheinlichkeit einer Coronavirus-Infektion einschätzen. Am Schluss erhält der Patient eine eindeutige Risikoeinschätzung und weitere Ratschläge, einschließlich einer telemedizinischen Beratung mit einem ausgewählten Arzt. 

“Der zentrale Aspekt hier ist, dass der Bot den Patienten relevante Informationen aus einer vertrauenswürdigen und evidenzbasierten Quelle bereitstellt. Wenn Sie ihn nutzen, erhalten Sie den bestmöglichen Rat. Solche Werkzeuge schützen Bürger vor Fake News, welche in die Irre führen können”, sagte der Leiter des Health Innovation Hub.

Besser vorbereitet sein

“Wir könnten diese Epidemie nicht so gut managen, wenn wir nicht bereits die Kliniken digitalisiert hätten”, sagte Debatin und erinnerte sich an eine weitere Krise. Zwischen 2011 und 2012 bemerkten die Kliniken eine steigende Anzahl von Patienten, die mit EHEC infiziert waren, einem Krankheitserreger, der eine lebensbedrohliche Darmentzündung mit blutigen Durchfällen und Nierenversagen auslöste.

Debatin erklärte, dass “ein klarer Überblick über die Gesamtsituation ohne digitale Technologie nicht möglich gewesen wäre.” Sogar scheinbar einfache Werkzeuge wie elektronische Gesundheitsakten helfen dabei eine solide Basis für eine äußerst akkurate Berichterstattung über eine epidemische Situation zu schaffen. Der Zugang zu transparenten und verlässlichen Informationen ist für die Koordination und ein effektives Ressourcen-Management essentiell, nicht nur bei einem Notfall. 

Noch viel mehr kann getan werden für eine Überwachung der Bevölkerungsgesundheit. Da die genaue Abbildung der epidemischen Situation für Sicherheitsmaßnahmen überlebenswichtig ist, könnten gespendete Benutzerdaten den aktuellen Stand umso genauer reflektieren, heruntergebrochen auf Postleitzahlen.

“Wir sind noch nicht weit genug mit der digitalen Agenda in Deutschland vorangekommen, um vollständig auf die COVID-19 Krise zu reagieren. Viele Innovationen, die helfen könnten, sind geplant, aber noch nicht implementiert”, sagte Debatin. Er fügte hinzu, dass “diese Pandemie uns zeigt, dass wir die Europäische Gesundheitsbehörde (Anm: das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, ECDC) dramatisch stärken müssen.” Jenseits der Nutzbarmachung digitaler Technologien sollten wir somit einige Angelegenheiten im Gesundheitswesen angehen wie die Stärkung der Europäischen Gesundheitsbehörden. Nur auf diesem Weg können wir auf epidemiologische und andere Gesundheitsbedrohungen auf koordinierte und effiziente Weise reagieren.

Das TalkingPoints Webinar mit Prof. Jörg Debatin, Leiter des Health Innovation Hub (hih), wurde von Armin Scheuer, VP Business Development bei HIMSS International, moderiert. Die vollständige Audio-Aufnahme (in Deutsch) finden Sie hier.

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