„Wir müssen uns wieder darauf besinnen, was für den Patienten gut ist“

Value-based Healthcare (VBHC), eine Rückbesinnung auf die messbare Qualität der medizinischen Versorgung: Dr. Valerie Kirchberger, Head of Value Based Care an der Charité Universitätsmedizin und Mitglied im Führungskomitee der HIMSS D-A-CH Community, beleuchtet in diesem Interview, warum die zukünftige Versorgung davon profitiert, wenn wir der Stimme der Patienten wieder mehr Gehör schenken und Gesundheitsresultate mit digitalen Werkzeugen qualitativ erfassen.

von
Anna
Engberg

Frau Kirchberger, was steht hinter dem Konzept von „Value-based Healthcare“?

Dr. Kirchberger: Value-based Healthcare stellt den Patienten und die für ihn wichtigen Behandlungsergebnisse in den Vordergrund. Das entspricht meinem Empfinden nach dem Grundgedanken des ärztlichen Handelns am besten: sich dem Patienten und dem individuellen Patientenwohl wieder mehr zuwenden zu können.

Wie spiegelt sich das in Ihrer Arbeit wieder?

Dr. Kirchberger: Als Ärztin, die viel Erfahrung im Umgang mit Patienten gesammelt hat, habe ich mich gefragt, ob die Behandlung die wir unseren Patienten zukommen lassen und die auf den aktuellsten Erkenntnissen der Medizin beruht, auch wirklich langfristig diejenigen Ergebnisse erzielt, die für den Patienten wichtig sind – beispielsweise, ob sich für Kinder durch eine Asthmatherapie im Alltag etwas verbessert, z.B. die Teilnahme am Schulsport. Solche Ergebnisse werden im Rahmen von Studien schon erfasst, jedoch nicht umfassend für alle Patienten.

Ein wichtiger Baustein in im VBHC-Konzept ist das sogenannte Patient-Reported Outcome Measurement, kurz PROM. Es ermöglicht uns, in Erfahrung zu bringen, wie es Patienten nach einer Behandlung ergangen ist und zu bewerten, wie gut unsere Behandlung eigentlich ist.

In der verstärkten Transparenz sowie qualitäts- und ergebnisorientierten Arbeit liegen viele Chancen, aber natürlich auch Herausforderungen – etwa Diskussionen über Ungleichheiten im Patientenklientel. Wir müssen uns wieder darauf zurückbesinnen, was für den Patienten gut ist und die Ergebnisse, die für den Patienten wichtig sind, in den Mittelpunkt rücken. Nur mit einem solchen, Umdenken ist eine bessere Gesundheitsversorgung möglich.

Welchen Nutzen hätte es, wenn die Vergütung der Versorgung zukünftig an Gesundheitsresultate statt an erbrachte Leistungen gekoppelt wäre?

Dr. Kirchberger: Der Gesundheitsversorger wäre dann motiviert, die besten – für die Patienten relevanten – Ergebnisse unter Beachtung der entstehenden Kosten zu liefern. Die praktische Umsetzung stellt hier in vielen Hinsichten eine Herausforderung dar. Grundsätzlich geht es auch nicht darum, eine rein ergebnisorientierte Vergütung zu etablieren. Meiner Ansicht nach sollte das nur eine ergänzende Komponente sein.

Wie könnte das in der Praxis konkret aussehen?

Dr. Kirchberger: Wir könnten z.B. nach einer Operation die Behandlungsergebnisse mittels PROM für zwei Jahre nachbefragen. Der Fall würde mit einer Pauschale vergütet, die einen optionalen Zuschlag bei Erreichen vorher definierter Ergebniskriterien enthält, wie z.B. Verbesserung im Schmerzempfinden oder dem Grad der physischen Aktivität.

Bislang fokussieren wir uns auf unmittelbare Ergebnisse einer Behandlung wie z.B. auf Blutungen oder Infektionen nach einer OP. Diese sind natürlich wichtig, doch genauso wichtig ist mittel- und langfristig die Lebensqualität der Patienten: Kann ich wieder wandern, Tennis spielen oder meiner Arbeit nachgehen? Dies müssen wir erheben und in die Bewertung der Arbeit miteinfließen lassen.

Wo setzen Sie Patient Reported Outcome Measurement (PROM) bereits ein?

Dr. Kirchberger: Wir nutzen dieses Tool an der Charité seit 2017 operativ, erstmalig als Pilot am Brustzentrum mit Brustkrebs-Patientinnen. Dabei setzen wir den internationalen Fragenkatalog des International Consortium for Health Outcomes Measurement, kurz ICHOM ein, um Patienten vor und nach Behandlungen regelmäßig über z.B. Stimmung, Schmerzen, Übelkeit und soziale Teilhabe zu befragen. Die Ergebnisse wiederum lassen sich sowohl individuell als auch im Kollektiv analysieren.

Grundsätzlich sollten wir alle Patienten auf diese Weise nachbefragen. An der Charité rollen wir PROM sukzessive aus: inzwischen haben wir diese Form der qualitativen Nachbefragung auf Kopfschmerz-Patienten und dem Wirbelsäulenzentrum ausgeweitet und setzen sie auch in der Orthopädie für Hüft- und Knie-OPs im Rahmen einer Studie ein. Eine standardmäßige Ausweitung in den kardiologischen Kliniken und bald auch in der Geburtsmedizin sind in Planung.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine an VBHC orientierte Vergütung im Gesundheitswesen?

Dr. Kirchberger: Aktuell gibt es bei uns noch kein Projekt, das Gesundheitsresultate im Rahmen einer Pilotierung mit einer Krankenkasse zusätzlich vergütet. Wir möchten das jedoch etablieren und sind überzeugt, dass man damit gutes Qualitätsmanagement und Kosteneinsparungen für  Solidargemeinschaft erzielen kann. Als Leistungserbringer müssen wir hier aktuell in Vorleistung gehen, da PROM nicht vergütungsrelevant ist. Die Option, es nicht zu tun, besteht für uns nicht. Patienten und Ärzte nehmen es sehr gut an.

Wie kann VBHC in der aktuellen Pandemie-Krisensituation helfen?

Dr. Kirchberger: Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig zu wissen, wie es den Patienten geht, mit oder ohne COVID-19. So ist es wichtig, einerseits den kurzfristigen Gesundheitszustand nach einem positiven Test oder Entlassung aus dem Krankenhaus zu kennen, andererseits müssen wir auch die vielen Patienten im Auge behalten, die andere Erkrankungen haben. Hier kann uns PROM unterstützen. An der Charité nutzen wir dieses Befragungstool auch im Kontext von Corona.

Zu Beginn der Pandemie haben Sie an der Charité die CovApp entwickelt. Was genau kann die Anwendung?

Dr. Kirchberger: In Reaktion auf die vielen besorgten Patienten im März 2020 haben wir in Zusammenarbeit mit Data4Life die Anamnese-Erhebung für COVID-19 digitalisiert. Dadurch konnten Leute im Wartezimmer ihre Symptome, die normalerweise mit dem Arzt besprochen wurden, eigenständig am Handy in einer Web-Applikation erfassen und mittels verschlüsseltem QR-Code einscannen. Das hat uns eine Zeitersparnis eingebracht und wir konnten damit letztlich auch einen Bedarf der Menschen zuhause bedienen. Indem wir den Fragenbogen mit dem Robert Koch-Institut (RKI) zur Entscheidungsunterstützung ausgeweitet haben, konnten wir die Patientenströme besser lenken und Menschen besser informieren. Basierend auf RKI-Empfehlungen teilte die CovApp z.B. mit, ob bei den vorliegenden Symptomen ein Test empfohlen ist. Die App ist dabei sehr sicher, die Daten verblieben dabei auf den Endgeräten der Nutzer und gehen nur per Scannen des QR-Codes in unser KIS. Die CovApp wurde seit März 1,4 Mio. mal heruntergeladen.

Wie hängt dies mit einer positiven digitalen Patientenerfahrung zusammen?

Dr. Kirchberger: Mit Beginn der Pandemie haben Patienten Krankenhäuser und Praxen zum Teil gemieden. Notaufnahmen wurden weniger besucht und zunehmend telemedizinische Angebote in Anspruch genommen. Da uns das Virus nach Expertenansicht in der näheren Zukunft weiter begleitet, sollten wir mit einer Strategie „digital vor ambulant vor stationär“ gut fahren. Wir müssen auch im Digitalen bedarfsgerecht am Patientenwohl orientiert versorgen, wie der Sachverständigenrat und die Nationale Akademie der Wissenschaften auch betonen. Dafür braucht es eine gute digitale Erfahrung – wohlgemerkt auch für die Ärzte – damit die Akzeptanz hoch bleibt.

Erzählen Sie abschließend über Ihr Engagement im Rahmen der Berliner Teststrategie.

Dr. Kirchberger: Gern. Wir möchten mit der Teststrategie die bestehenden Testungen die sich nach Symptomen, d.h. Krankheitszeichen richten, ergänzen. Diese Testungen, die sich nach Symptomen richten, liegen in der Hand unser Kollegen und Kolleginnen in den Gesundheitsämtern und sie sind das Fundament der Infektionsbekämpfung. Wir haben uns mit den Charité Experten beraten und überlegt, welche Bevölkerungsgruppen mittels Stichproben zusätzlich getestet werden sollten, um das Infektionsgeschehen im Blick zu behalten. Hierzu gehören Personen, die dem Virus besonders ausgesetzt sind, wie Personal im Krankenhaus oder Pflegeheimen oder Personen, die in der Gastronomie arbeiten. Zudem beschäftigen wir uns intensiv mit den Bildungseinrichtungen. Hier gibt es zum Einen eine Studie, in der wiederholt eine kleinere Anzahl an Schulen und Kitas intensiv getestet wird, zum anderen soll das Betreuungspersonal einen sehr einfachen Zugang zur Testung erhalten. Dieses Thema wird uns weiterhin begleiten.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Kirchberger!

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